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Altsächsische Geschichten – 2 – „Einen Germanoccino, bitte…“

 

„Einen Germanoccino bitte! ...“ von Gerald

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ …rief der Gast dem Wirt der Saxhalla zu, einer germanischen Raststätte für durchreisende Händler. Betreiber war der adipöse Victualius, den hier alle nur „Wickie“ nannten. Victualius hatte eine sogenannte „Kahlkopffrisur“, was nicht heißt, dass sein Kopf kahlgeschoren war – im Gegenteil. Sein hellbraunes Haar fiel lang herab bis auf die Schultern, wo es sich etwas nach innen drehte und sein Kopf auf diese Weise einem dieser „magischen Kahlkopfpilze“ ähnelte (hierbei handelt es sich um psychoaktive Pilze, deren Verzehr zu rauschähnlichen Zuständen führen kann).

Bild oben links: mützenähnliche Pilze mit dem Namen „spitzkegeliger Kahlkopf“, tritt meistens in Gruppen auf!) und ist vor allen Dingen auf Rindvieh- und Schafweiden zu finden (Achtung: kein Speisepilz und nicht für den Verzehr geeignet – giftig!). Bild oben rechts: Chaukische Freunde dieses Gewächses ließen sich als Zeichen der Verbundenheit mit diesem Gewächs und der Zusammengehörigkeit untereinander die Haare in dieser Form schneiden. Ganz rechts ist übrigens Wickie mit seinem ungepflegten, dünnen Vollbart abgebildet. ​​ Diese Zeichnung ließ übrigens seine Mutter Altruida von ihm und seinen Brüdern von einem mittellosen, unbegabten Zeichner und Zechpreller als Entlohnung für seinen Verzehr anfertigen und hängt nun hinter dem Schanktisch der Saxhalla. Quelle: Gerald

 

Hinter dem Schanktisch dampfte, brodelte und zischte es eine Weile. Dann zwängte sich der hochgewachsene, fettleibige Wickie durch das Mobiliar des Schankraumes hindurch, um dem einzigen Gast seinen Germanoccino zu bringen.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Bei einem Germanoccino handelt es sich um ein aromatisches Heißgetränk aus viel heiß geschäumter Ziegenmilch, Honig nach Geschmack und einem kräftigen Sud aus gerösteten und gemahlenen Eicheln oder Löwenzahnwurzeln. Gerne wurde er nach einem deftigen Essen getrunken, um die Verdauung anzuregen und die Sinne munter zu machen.

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ „So, bitte sehr der Herr! Ein Germanoccino á la Saxhalla. Heidrun selbst gab ihre Milch für dies köstliche Getränk und die Zwerge bliesen aus vollen Backen die Weisheit der Elemente in den Schaum hinein! Hat das Essen denn gut geschmeckt?“ Wickie konnte auch nett sein, vor allen Dingen, wenn dadurch später die Bezahlung etwas reichhaltiger ausfallen würde.

 

Bei Heidrun – so sei dem Leser an dieser Stelle vermittelt - handelt es sich übrigens um eine Ziege, die im Weltenbaum der alten Germanen von dessen Blättern frisst - eine mythologische Figur, wie auch die vier Zwerge, die die vier Ecken des Himmels repräsentieren. Der gute Wickie versuchte wohl mit diesen Worten die Güte dieses Germanoccinos ein wenig anzuheben…

Bild oben: Saxhalla, gelegen an der F6, einem unbefestigtem Fernweg, der bis nach Norderkoog an das chaukische Meer führte. Übernachtungsgelegenheit für Fernhändler und einzige Vergnügungsstätte im weiten Umfeld. Waffen und Verstand bitte links neben dem Eingang abgeben. Die Saxhalla ist holzschindelgedeckt und wird von der Sippe der Wiglafs betrieben. Quelle: Gerald

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ „Bei den Göttern, ich bin pappsatt,“ erwiderte der Gast, „das Schweineschnitzel war total lecker und das Gemüse butterweich und aromatisch“

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ „Dat war kein Gemüse, dat war Geschnetzeltes.“

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ „Geschnetzeltes zum Schnitzel? Das hatte ich noch nie… aber interessant!“

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ „Zugegeben, unser Speiseplan ist etwas fleischlastig,“ gab Wickie zu, „aber wir sind hier ja auch nicht in Rom und die meisten ordentlichen Langstreckenspediteure stehen halt auf Fleisch! Sind ja echte Männer mit Muckis und keine Weicheier!.“ Wickie hoffte, mit dieser Bemerkung die sich androhende Diskussion abzukürzen, hob die linke Augenbraue und musterte den Gast.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Der tat so, als hätte er die Bemerkung nicht gehört und schlug scheinbar ernsthaft anderweitig beschäftigt nach einer Fliege. Treffer.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ „Jaja, die Obstfliegen, die wird man immer so schlecht wieder los,“ lenkte Wickie das Gespräch wieder in ungefährlichere Gefilde, „lästiges Viehzeugs!“

 ​​ ​​ ​​ ​​ ​​​​ Der Gast betrachtete sich die erschlagene Fliege genau. „Hier haben die Obstfliegen Reißzähne?“

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Wickie zuckte nur kurz mit den Schultern, brummte etwas in sich hinein und ging wieder hinter den Schanktisch, um leere Becher zu spülen.