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Wir und die Anderen – 4 kein Mulktikulti, aber…

Kein Multikulti, aber…

(Wir und die anderen – Teil 4)

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ …Menschen aus allen Kulturen der Welt haben das Recht, auch germanische Götter anzurufen.​​ Auch dann, wenn sie Völkern entstammen, die nicht germanischen Ursprungs sind. Soviel erst einmal grundsätzlich zu meinem und auch dem offiziellen Standpunkt des VfGH.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Warum auch nicht? Wenn sie sich dahingezogen fühlen, ist es doch eigentlich eine Ehre​​ für die Götter, oder?​​ Wenn beispielsweise ein Europäer einen anderen Kontinent​​ betritt,​​ dort eine heilige Präsenz verspürt und ihr Respekt erweist, dann ist das genauso ein gesitteter Umgang wie beim Eintritt in ein​​ fremdes Haus. Es gibt halt gesellschaftliche Regeln – und das auch zwischen den Welten.​​ Gerade beim Betreten von heiligen Stätten ist das bei vielen Völkern eine Grundvoraussetzung, die immer mehr von den „Weißen“ respektiert wird. Warum sollen wir das​​ also​​ unseren Gästen verwehren?

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Es gibt aber auch Menschen, die genau das nicht wollen.​​ Ich hatte schon an vielen Debatten teilgenommen, in denen es um „folkish Ásatrú“ vs. „universalist Ásatrú“ ging.​​ Dieses Thema kommt wellenförmig​​ ​​ immer wieder​​ hoch. Darin versuchen Leute, ihre Meinung beharrlich kundzutun, dass das germanische Heidentum den Menschen vorzubehalten sei, die​​ hier ihre Wurzeln haben. Ich will das jetzt ganz bewusst nicht bewerten, dazu fehlt hier der Platz.​​ Nur so viel:​​ Die dahintersteckende Thematik ist in aller Regel der Wunsch nach Abgrenzung und Angst vor Überfremdung. Bedürfnisse, die mehr oder weniger in jedem Menschen verankert sind. In jedem von uns. Dessen müssen wir​​ uns erst einmal bewusst sein,​​ dann nüchtern bewerten und nicht in irgendein fanatisches Lager wechseln.​​ Ich habe dann​​ übrigens​​ immer​​ gerne die Frage gestellt, von wie vielen Fällen die Leute denn wissen​​ und – mal ganz ehrlich - wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass irgendein zugewanderter Mensch dem VfGH​​ oder sonst einem Verein​​ beitreten will,​​ um den germanischen Götter zu opfern.​​ Die Antworten können sich die Leser sicherlich denken. Man kannte keinen und die Wahrscheinlichkeit geht gegen null.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Ergänzend​​ muss sich jeder​​ aber auch das Recht des Misstrauens bewahren dürfen.​​ Denn es gibt ja auch genügend Menschen, die sich mit falschen Darstellungen in andere Systeme einschleichen​​ wollen. Sei es nun wirtschaftlich, politisch oder aus der Not heraus. Sei es nun charakterlich, gesellschaftlich oder religiös motiviert. Oder überlappend.​​ Man muss sich ja auch nicht alles bieten lassen und darf auch die Raffinesse der anderen nicht außer Acht lassen.​​ Wie uns unsere Mythologie immer wieder gerne spiegelt, sind​​ unsere ​​ Götter​​ auch nicht​​ ​​ alle wie der hehre Baldur.​​ Bei den​​ Menschen​​ ist das selbstredend genauso​​ und​​ jeder hat seine eigenen Schattenseiten. Oder wie der große Heraklit leicht misanthropisch formulierte: „Der Mensch an sich ist schlecht. Und nur wenige taugen etwas“.​​ Den meisten erfahrenen Menschen traue ich durchaus zu, beurteilen zu können, ob echtes Interesse an unserer Glaubenswelt vorliegt oder nicht. Im Rahmen einer „Kennenlernphase“ lässt sich die Motivation sicher erkennen oder zumindest erahnen. Und dabei​​ würde​​ ich mein​​ Bauchgefühl​​ auch nicht außer Acht lassen.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Unabhängig davon, dass​​ mit Handel, Wandel​​ und gesellschaftlicher Weiterentwicklung auch die heidnischen Glaubensvorstellungen ​​ immer wieder Veränderungen unterworfen gewesen sind, liegt mir persönlich​​ aber auch​​ nichts daran, ein wahlloses Sammelsurium von Gottheiten in meine Rituale einzuladen.​​ Vereinsmäßig haben wir uns auch so aufgestellt, um nicht beliebig zu sein. Eine Entscheidung, die ich – anfangs durchaus schwankend – immer besser nachvollziehen kann. Das Bejahen des Eigenen heißt ja nicht die​​ Ablehnung des Anderen. Im Gegenteil. Wer sich​​ selbst bejaht, kann auch andere​​ eher annehmen.​​ 

Wenn ich mich persönlich​​ zum Beispiel​​ in bestimmten Dingen weiterentwickelt habe, dann brauche ich auch keinen anderen Gott dafür oder​​ muss mir einen​​ erfinden. Ich nehme dann den einen Gott oder die andere Göttin nur anders wahr. Unsere Mythologie ist so reichhaltig, dass wir im Grunde alles darin wiederfinden, auch unsere eigene Freiheit.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ (Um Missverständnissen vorzubeugen: jedem der Vereinsmitglieder ist es selbstverständlich gestattet, Gottheiten aus anderen Glaubensvorstellungen die Ehre zu erweisen, Gebete an sie zu richten​​ oder ihnen beispielweise Gaben darzureichen. Egal, ob es nun aus dem regionalen Kontext oder einer inneren Überzeugung heraus begründet ist)

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Als Verein wie gesagt​​ konzentrieren wir uns​​ vor allen Dingen​​ auf die Neubelebung​​ dieser​​ vorgenannten​​ Freiheit auf Grundlage der kulturwissenschaftlichen Datenlage. Gerade in Bezug auf  ​​​​ archäologisches Fundmaterial​​ (bspw. Runen, Ikonographische Auswertungen usw.) ist die Betrachtungsweise aber auch​​ veränderlich. Das​​ macht das Ganze sehr lebendig. Zusätzlich zu den Veränderungen​​ der Betrachtungsweisen, die man als Heidenmensch an sich selbst durchmacht.​​ Die Vielzahl von Beeinflussungen​​ hält die Glaubensvorstellungen immer in Bewegung. Spannende Zeiten – den Göttern sei Dank! Gerade der ständige Austausch von Informationen lässt die​​ religiösen​​ Herangehensweisen​​ einzelner​​ Heiden​​ immer wieder​​ ein wenig aufwirbeln und​​ sich​​ etwas anders​​ wieder​​ setzen.​​ Darüber hinaus​​ stehen viele​​ in​​ persönlichem​​ Austausch miteinander und beeinflussen​​ sich weltanschaulich und ritualtechnisch gegenseitig.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Man wird also​​ immer eine leichte Unwucht haben. So​​ wie sie das Leben bereithält, die Geschichte uns lehrt und unsere Mythologie veranschaulicht. Deswegen sind​​ wir​​ mit unserem erfahrungsreligiösen Heidentum auch immer in Bewegung und​​ verstopfen die​​ Lücken der​​ vermeintlichen​​ Ungereimtheiten nicht​​ verkrampft​​ mit​​ dogmatischen Bausteinen. Solche ​​ Erklärungskrücken verhülfen​​ nämlich​​ einem​​ Paradigma​​ dazu, sich​​ mehr erstarrend als nachgiebig​​ aufrecht​​ zu​​ erhalten. Und​​ dies diente​​ nicht unserer Entwicklung, sondern einer gewissen​​ Komfortzone und​​ dann​​ würden wir​​ wirklich​​ Gefahr laufen, quasi in einer Art​​ Konglomerat​​ ​​ zu erstarren.​​ Deswegen ist es immer wichtig, sich mit Fremdem in Vergleich zu setzen und daraus Selbsterkenntnis zu gewinnen. Wir respektieren also​​ auch​​ Gottheiten​​ anderer Kulturen. Das hat für uns den zusätzlichen Vorteil, dass​​ wir sogar wie in der vergleichenden​​ Religionswissenschaft aus dieser​​ Betrachtung Ableitungen für uns​​ treffen​​ können, die uns das wiedergeben, was durch Religionsunterdrückung bei uns​​ verloren​​ ging.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Abschließend möchte ich noch einmal feststellen, dass​​ im ​​ heidnisch-germanischen Glaubenszusammenhang grundsätzlich niemand ausgegrenzt wird. Jeder hat das Recht, die germanischen Götter anzurufen und ihnen zu Ehren angemessene Rituale​​ zu betreiben.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Und – mal wieder ganz ehrlich - was verwässert unseren Glauben mehr – ein aufrichtiger Migrant, der sich für heidnisch-germanische Rituale​​ engagiert oder die Marvel-Verfilmungen​​ unserer Mythologie?

Gerald