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Island – Öxará

Öxará – Der Axtbach bei den Thingfeldern

 

„Das erste, was sie taten, war ein Eingriff in die Natur…“ erklärt mir Hilmar, „der Bachlauf wurde umgebettet, damit der Wasserfall näher an der Versammlungsstätte war.“

 

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Bild „Das neue Bachverlauf des Öxará“

 

„Wenn man sich zum Thing versammelte, wurde in diesen Bach eine Axt gelegt“, erklärt mir Hilmar weiter, „daher hat der Bach seinen Namen. Nach dem Thing wurde die Axt wieder aus dem Bach herausgenommen“.

„Ja, ich verstehe“,​​ antworte ich ihm, „Á (gesprochen au) heißt Bach wie im Deutschen ebenfalls die Au oder Aue. Und Öxar bezieht sich auf die Axt. Also heißt Öxará ganz einfach Axtbach“. Hilmar nickt mir zu.​​ 

 

Hilmar Örn​​ Hilmarsson ist gewählter​​ Allsherjagoði​​ der isländischen Ásatrúarfélagið​​ und zeigt mir eine der bedeutendsten Stätten auf Island:​​ Þingvellir​​ – die Thingfelder.​​ 

Ásatrúarfélagið​​ heißt übersetzt in etwa „Gefolgschaft der Asentreuen“.​​ Ásatrú ist seit 1972 eine in Island anerkannte Religion. Hilmar berichtet mir, dass dies das große Verdienst von Sveinbjörn Beinteinsson (1924 – 1993) ist, dem ersten Allsherjagoði​​ der Neuzeit. Schon als Teenager lernte er Sveinbjörn kennen und Hilmar verband eine große Freundschaft mit diesem Mann, der den Grundstein für eine Wiederbelebung des alten Glaubens setzte.​​ 

Vor​​ tausend Jahren gab​​ es auf Island zeitweilig etwa 48​​ Godentümer, deren Goden als frei gewählte „Bezirkshäuptlinge“ mit weltlichen und geistlichen Befugnissen ausgestattet waren.​​ Diese trafen sich​​ mit ihren Beratern und Gefolge​​ regelmäßig auf den Thingfeldern zu Rechtsbesprechungen, wichtigen landespolitischen Entscheidungen​​ und auch zur Wahl eines​​ Anführers aus ihren Reihen, dem​​ Allsherjagoði.​​ 

Als religiöse Instanz ist das Amt des​​ Allsherjagoði​​ wieder eingeführt und​​ heute quasi das Oberhaupt der​​ isländischen​​ Ásatrúar. Er wird in freien Wahlen bestimmt​​ und Hilmar bekleidet diesen Posten​​ seit dem Jahr 2003.

 

Die Thingfelder befinden sich an der Nahtstelle zweier Kontinentalplatten. Hier driften Europa und Amerika jedes Jahr ein paar Zentimeter auseinander. Es ist schon ein bemerkenswerter Ort und wunderschön dazu.

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Bild „Thingvellir“

 

In der Zwischenzeit sind wir an einem Schluchtweg angekommen, der uns zu den​​ alten​​ Versammlungsorten führt. Wir gehen mit dem Touristenstrom hinab und betrachten​​ die verschiedenen historischen Merkmale dieses Ortes. Vor fast zwanzig Jahren war ich bereits hier und stelle fest, dass dieser Ort an Attraktivität nichts verloren hat – im Gegenteil!​​ Dass ich mit dieser Meinung nicht allein dastehe, beweisen mir die​​ Menschenmassen, die​​ Þingvellir​​ besuchen.​​ Es sind sogar noch mehr geworden​​ als damals und ich muss schon einen geeigneten Augenblick abpassen, um ein halbwegs „touristenfreies“ Photo knipsen zu können.​​ 

 

„Dort bin ich in mein Amt eingeführt worden“,​​ sagt Hilmar und weist auf eine am Hang gelegene Stelle vor einer Felsenklippe.​​ Ich bitte ihn darum, sich dort noch einmal hinzustellen,​​ damit ich eine Aufnahme​​ machen kann.​​ 

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Bild „Hilmar Örn Hilmarsson“

Meinem Wunsch kommt er gerne nach und erklärt mir, dass auf der freien Fläche​​ links​​ vor ihm eine Feuerschale aufgebaut wurde, die einige kräftige Männer für das Ritual dorthin brachten. Ich habe sie am Tag zuvor im Büro der Ásatrúarfélagið​​ in Reykjavík gesehen. Sie ist​​ sehr groß,​​ schmiedeeisern​​ und hat mich im wahrsten Sinne schwer beeindruckt.​​ Das muss eine ordentliche Plackerei gewesen sein!

Bei der Gelegenheit fällt mir ein Gespräch mit Christopher McIntosh ein, einem Freund aus Bremen, der damals bei der Amtseinführung von Hilmar Örn Hilmarsson dabei war und die Zeremonie als sehr feierlich beschrieb. Viele Menschen hatten​​ sich​​ zu diesem Anlass hier eingefunden und​​ die Feierlichkeit wurde​​ mit einer Prozession durch die Schlucht​​ eröffnet.

 

„Dort drüben ist der Platz, an dem früher die Pferde ihre Stätte hatten, wenn die Leute zum Thing gingen“, erklärt mir​​ Hilmar weiter, „und dort ist​​ die Stelle, von der früher angenommen wurde, dass dies der Lögberg des Gesetzessprechers war“.​​ Auf einer Schautafel​​ vor Ort​​ ist ein Bild von W. G. Collingwood zu sehen, der 1897 den Lögberg malte und mit einer Szene versah, die das damalige​​ Treiben während eines Things darstellt.

 

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Bild „Collingwood 1897“

 

Es ist allerdings nach dem heutigen Stand der Forschung nicht geklärt, an welcher Stelle sich genau der Lögberg befindet. Bei dem Lögberg handelt es sich um einen Platz, an dem ein​​ sogenannter Lögmaður seine Position einzunehmen hatte. Denn dem Lögmaður (Ein Gesetzessprecher, der​​ aus den Reihen der anwesenden Goden​​ für einen Zeitraum von drei Jahren​​ gewählt​​ wurde)​​ kam eine besondere Aufgabe​​ zu. Diese​​ bestand darin, die mündlich überlieferten Gesetze laut aufzusagen, auf dass jeder der Anwesenden sie höre. Dazu stellte sich der Gesetzessprecher auf eine erhabene Stelle am Eingang zu den​​ Þingvellir​​ (Thingfeldern) mit einem Felsenkliff im Hintergrund. Das wirkte wie ein natürlicher Schallverstärker und prädestinierte den Ort zu diesem Zweck. Diese Gesetze wurden dann übrigens​​ besprochen, über sie befunden​​ und wenn​​ nötig auch geändert, wenn sie​​ ihren Zweck nicht gut erfüllten.

Früher wurde angenommen, dass sich dieser Platz dort befindet, wo jetzt der Mast mit der isländischen Flagge steht.​​ Aber das ist wie bereits erwähnt nicht gesichert - außerdem gibt es erhabene Stellen, die eine deutlich bessere Akustik aufweisen, von denen eine auch der Lögberg gewesen sein kann.