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Island – Landnahme aus Not, zurück in die Steinzeit

Landnahme aus Not – zurück in die Steinzeit

 

„Hmm - 12 Grad und leichter Nieselregen… was​​ ​​ kann ich​​ mir hier in Akureyri​​ denn geschickterweise​​ ansehen“, denke ich bei mir und schaue aus dem ​​ Fenster des Touristenbüros auf die nasse Straße, „glücklicherweise ist es gerade nicht windig.“

 

Ich verbringe​​ meinen Sommerurlaub auf Island und habe schon viele spannende und schöne Dinge erlebt und gesehen.​​ Akureyri ist​​ die Kapitole Nordislands, ein nettes Hafenstädtchen mit ein paar Sehenswürdigkeiten, zwischen denen ich wählen muss, da ich nur ein paar​​ Stunden Zeit habe, um dann zu​​ meinem nächsten Ziel aufzubrechen.​​ Vor ein paar Minuten schlug das Wetter wieder um. Und deshalb ist es wohl sinnhaft, etwas inhäusiges zu unternehmen.

„Aah, das örtliche Museum ist in der Nähe und nur ein paar hundert Meter entfernt“, freue ich mich und mache mich auf den Weg. Ich bin gespannt, was es dort zu sehen gibt.​​ Nach einer Weile komme ich an eine Stelle mit zwei Hinweisschildern, über die ich kurz​​ sinniere:

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Foto: Hinweisschilder

Minjasafn und Nonnahús. Minjasafn heißt übersetzt soviel wie „Erinnerungsschau“. Damit ist wohl gemeint, dass​​ die erinnerungswürdigen Dinge hier zu sehen sind. Damit sollte ich in etwa richtig liegen, wie ich später feststelle. Doch mit der Interpretation von Nonnahús liege ich vollständig daneben. Es handelt sich nämlich nicht um ein Kloster („Nonnenhaus“), welches​​ sich vermutlich neben dem Museum befindet, sondern​​ ganz einfach nur​​ um​​ das Haus eines berühmten Isländers mit dem Namen „Nonna“. Als ich das dann später nachrecherchiere, muss ich​​ mit hochgezogener Augenbraue breit über diesen Irrtum grinsen.​​ 

Eine Minute später stehe ich dann vor dem Museum. Es ist einfach nur ein größeres Haus, in dem eine kleine lokale Ausstellung untergebracht zu sein scheint, wovon ich zuerst ein wenig enttäuscht bin.​​ Das verfliegt aber schlagartig, als ich eintrete und mich sofort eine Abbildung des Donnergottes „Thór“ anstrahlt.

C:\Users\Jörg\Documents\Heidnisches\Island-Artikel\Landnahme aus Not - zurück in die Steinzeit\Thór.JPG

Foto: Thór

Ganz hier in der Nähe in Eyjafjörður wurde um 1815 nämlich die wohl​​ bekannteste​​ Thór -Stauette gefunden. Das Original ist im​​ isländischen Nationalmuseum in​​ Reykjavík ausgestellt (ich​​ berichtete bereits darüber). Neben anderen spannenden Dingen ist hier auch die Besiedlung Islands sehr realistisch dargestellt. Viele Dinge wirken auf mich mit ihrem aufklärenden Charakter sehr ernüchternd.

Die Landnahme (Zeit der Erstbesiedelung durch hauptsächlich norwegische Siedler) begann Mitte/Ende des 9. Jahrhunderts.​​ Das nördliche Europa war in einer Zeit des Umbruchs. Viele Länder wurden christianisiert und ein mächtigeres Königtum beschnitt die Rechte der freien Häuptlinge mehr und mehr. Viele zogen mit ihren Familien und Gefolgschaften​​ gen Westen und besiedelten unter anderem​​ die Orkneys und​​ Shetlands, Teile von Irland, die Färöer und schließlich auch Island. Dabei sollte man sich​​ vor Augen halten, dass​​ hierunter​​ wohl​​ auch Abenteurer waren und Flüchtlinge vor dem Arm des Gesetzes. Der weitaus größte Teil bestand aber aus Menschen, die aus Not gingen, weil sie ihrer Lebens- und Glaubensgrundlagen beraubt werden sollten.​​ 

Die Überfahrten mit den vollbeladenen offenen Booten gestaltete sich bei schwerer See oft als lebensgefährliches Unterfangen und es gehörte mit Sicherheit eine ordentliche Portion Mut und Glück dazu, diese Reise anzutreten und heil zu überstehen. ​​ 

Ingólfur,​​ Hjörleifur,​​ Naddoddur und Co. fanden​​ Island als eine Insel vor, die​​ damals tatsächlich​​ zu zwei Dritteln bewaldet​​ oder mit Sträuchern bewachsen war. Dieses Holz wurde zu vielfältigen Zwecken genutzt: Man verhüttete es zu Holzkohle, damit u. a. Raseneisenerz weiterverarbeitet werden konnte. Es wurde selbstverständlich auch​​ zum Heizen​​ benutzt​​ und später auch zur Trankocherei im Rahmen des Walfischfangs.​​ Die dadurch entstehenden waldfreien Flächen waren natürlich für die​​ Schafzucht interessant und so verringerte sich der reichlich vorhandene isländische Urwald durch menschlichen Einfluss um ein Erhebliches. Von diesem sind nur noch vereinzelte Refugien übrig geblieben (Die Wiederaufforstung ist heutzutage ein wichtiges Unterfangen auf​​ Island, Erosion ein großes​​ Problem!). Ein gutes​​ Beispiel dafür ist das „Thórsmjörkdalur“, was soviel heißt wie​​ „Thorswaldtal“.​​ Dieses ehemals reichlich​​ bewaldete Tal ist heute​​ eine Geröllwüste. Nur noch im Obertal stehen ein paar Bäume.​​ Der Mensch hat ebenso​​ hier die Umwelt massiv beeinflusst und vielfach auch nachhaltig beeinträchtigt. Um das Überleben zu sichern, gehörte dies wohl zu einem notwendigen Ablauf.

Die Behausungen der Erstbesiedler waren​​ vielfach​​ nur einfache Erdlöcher, in denen das Leben stattfand.

Ja, das Leben muss hier sehr beschwerlich gewesen sein. Statt in einem verhältnismäßig komfortablen Langhaus fand hier alles in einer Erdwohnung statt: Kochen auf ein paar Steinplatten, Kinderkriegen, Schlafen, Spinnen usw. usw…​​ 

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Foto: Erdhöhle

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Foto: Herd

So​​ ähnlich verhielt es sich auch mit dem Werkzeug. In Ermangelung reichhaltiger Eisenerzvorkommen fand teilweise​​ sogar​​ eine gewisse​​ materialkulturelle Abdrift​​ in die Steinzeit statt.​​ Denn viele Einwohner (in diesem​​ Fall exemplarisch von Granastaðir im Eyjafjörður) fertigten Kratzer und Messer nach Steinzeitmanier an. Die Materialien waren statt Flint aber Obsidian und Jasper.​​ 

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Foto: Steinwerkzeuge

Die Nahrungsmittel waren oft knapp und darum musste alles verwertet werden, was halbwegs genießbar war. Als Eiweißquelle mussten auch gestrandete Tiere wie tote Wale oder​​ z. B.​​ der berühmt-berüchtigte Hákarl (Grönlandhai) herhalten.​​ Dabei handelt es sich um einen großen,​​ unförmigen​​ Haifisch ohne Nieren, dessen Fleisch​​ sich deshalb mit Giftstoffen anreichert und eigentlich nicht essbar ist. Aber auch hier haben die Isländer eine Lösung gefunden – aus der Not heraus, denn schmackhaft ist Hákarl ganz und gar nicht.

So ergibt sich für mich nun ein etwas nüchterneres Bild von der Wikingerzeit. Irgendwie doch ein bischen anders, als in den spektakulären und farbenprächtigen Filmen. Ja, das Leben muss sehr hart gewesen sein und die Menschen waren oft recht arm. Das stimmt mich ein wenig nachdenklich, bin aber dankbar darum, hier einen etwas tatsächlicheren Eindruck von dieser Zeit gewonnen zu haben.​​ 

Und nun geht’s weiter,​​ noch ein paar andere​​ Ausstellungsräume​​ ansehen und​​ dann schnell noch einen Blick​​ in die Vitrinenschränke mit den Andenken…

Jörg Gerald Rohfeld