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Island – Ein Denkmal für Sveinbjörn Beinzeinsson

​​ Bild oben:​​ Der Sveinbjörn-Beinteinsson-Bautastein in Reykjavík​​ (Bild leider nicht seitenkompatibel)

 

Ásatrú ist seit 1972 eine in Island anerkannte Religion. Hilmar berichtet mir, dass dies das große Verdienst von​​ Sveinbjörn Beinteinsson (1924 – 1993) ist, dem ersten Allsherjagoði ​​ der Neuzeit. Schon als Teenager lernte er Sveinbjörn kennen und Hilmar verband eine große Freundschaft mit diesem Mann, dem nicht nur isländische Ásatrúar viel zu verdanken haben. Denn dieser Akt der religiösen Selbstbehauptung ist beispielgebend für Ásatrúar in anderen Ländern, sich ebenfalls in ihrer Glaubensausübung staatlich legitimieren zu wollen. In einigen religiös toleranten Staaten ist dies bereits gelungen.​​ 

Ja, dem Mann sind wir​​ alle zu tiefem Dank verpflichtet, dachte ich bei mir und erfahre eine Weile später, dass Sveinbjörn auf der anderen Seite diesen Grundstückes bereits ein großer Bautastein gesetzt wurde. Wir umrunden das Areal und stehen nun vor dem Stein, in dem eine Messingplatte mit Beinteinssons Profil eingelassen wurde. Dies ist das Werk von Páll von Húsafell, einem auf Island recht bekannten Künstler, welcher sich intensiv mit Sveinbjörns Leben und Wirken beschäftigt hat.​​ Eingeweiht wurde dieses Denkmal im Jahr 2010​​ von Georg Pétur Sveinbjörnsson, dem Sohn des ersten Allsherjagoden der Ásatrúarfélagið.

Hilmar berichtet mir davon, dass sich eine größere Statue in Vorbereitung befindet, die in einem noch prächtigeren Auftritt das Lebenswerk Sveinbjörns würdigen soll. Es​​ sind schon reichlich Spenden zusammengekommen.

Páll ​​ Guðmundsson wurde 1959 in Húsafell geboren und entschied sich für ein Leben als Künstler. Er erhielt verschiedene nationale und internationale Ausbildungen, unter anderem an der Kölner Hochschule für Angewandte Kunst.​​ 

Besonders die Bildhauerei hat es ihm angetan. Er versteht es vorzüglich, den Charakter eines Steines zu erkennen und ihm ein Gesicht zu geben. Ich besuchte ihn auf seinem Land und war verblüfft über sein vielfältiges Betätigungsfeld. Neben​​ bekannten Größen wie unter anderem Johann Sebastian Bach und dem uns bestens bekannten Sveinbjörn Beinteinsson sind auf den überall vorhandenen Felsen eine Vielzahl von Gesichtsreliefs herausgearbeitet worden, die dem Wesen des Steines entsprechen, den Páll gerade bearbeitet und in ihm empfindet.​​ 

Doch nicht nur das Gesicht ​​ im Stein hat es Páll​​ Guðmundsson angetan, es ist auch der Klang. ​​ Ich betrete mit ihm die kleine Kirche seines Heimatortes, in der er auf einer „Steinharfe“ quasi die Organistenstelle​​ innehat.

Jede auf diesem „Lithophon“ liegende Steinplatte hat seinen eigenen vollkommen exakten Ton und auf ihm kann über fünf Oktaven gespielt werden. Ich höre tatsächlich Bach und auch eigene Stücke, die unter anderem für Filmkompositionen geschrieben wurden. So stehen - ganz selbstverständlich - in dieser christlichen Kirche Páll und Hilmar beisammen und spielen mir gemeinsam – im Duett - verschiedene Stücke vor.

Ja, die Menschen in Island konnten ihrer Herkunft treu bleiben und sind sich dieser in angemessenem Stolz bewusst. Wahrscheinlich spielt auch die Abgelegenheit und Armut des Landes in den vergangenen Jahrhunderten eine große Rolle, dass einer nachhaltigen und letztendlichen Christianisierung nicht in dem Maße nachgegangen wurde, wie im übrigen Europa. Dabei ist die freiwillige Entscheidung ​​ des gesamten Landes zum Christentum (durch den Gesetzessprecher des isländischen Allthings) von herausragender Bedeutung. Denn dieser eigentlich heidnische Gode mit Namen Thórgeir hat sich zum Wohle seines Volkes für das staatliche Christentum unter dem Vorbehalt entschieden, dass im eigenen Hause nachwievor die eigenen Götter verehrt ​​ werden durften.​​ 

Nach einigem Nachdenken über dieses Geschehen empfinde ich Thórgeirs Entscheidung als vorausschauend klug. Denn​​ in seiner in diesem Fall weisen Nachgiebigkeit ist er in meinen Augen stärker gewesen, als in einem allzu harten Umgang. Thórgeir wusste wohl, dass ein unbeugsamer Ast eines Baumes schneller bricht als ein flexibler. Auch nicht zuletzt diesem unschätzbaren Dienst ist es ​​ zu verdanken, dass kein Unterwerfungs- und Vernichtungsfeldzug unter religiösem Vorwand durchgeführt wurde. Ich denke, dass Thórgeir seinem Land und auch den Göttern seines Volkes mit seiner Entscheidung einen enormen Dienst erwiesen hat.​​ Und damit schließlich auch uns, denn die Überlieferungen aus Island haben viel dazu beigetragen, dass wir unsere heidnisch-germanischen Anschauungen besser verstehen oder überhaupt erst betrachten können.

Jörg Gerald Rohfeld