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Das große Geheimnis

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Bild oben:​​ Lorenz Frölich: Odin und Saga

 

Das große Geheimnis

Von Jörg Gerald Rohfeld

 

Wer frug sich nicht schon einmal wer wir sind und woher wir kommen. Was ist die Unendlichkeit? Und was passiert mit mir nach dem Tode?​​ 

Wer weiß​​ denn​​ alles? Wer hat „die Fäden in der Hand?“ Gibt es Gott? Was hat das Ganze für einen Sinn?​​ -​​ Dies​​ ist ein kleiner Ausschnitt von​​ Fragen, die sich Menschen in sinnsuchenden Phasen immer wieder stellen.​​ Das Suchen und​​ Verstehenwollen ist bei vielen tief verankert und begleitet einige Leute ein ganzes Leben lang.​​ 

Nun ist natürlich​​ noch die Frage, ob wir als menschliche Wesen überhaupt​​ alles in Gänze verstehen können. Dass​​ bezweifeln die​​ allermeisten Menschen und​​ manche verorten so eine „Allmacht“ gerne in einen Gott. Das kann man gut nachvollziehen, denn in meinen Augen ist sowieso nichts endlich oder in Gänze begreifbar. Immer wieder tun sich neue Horizonte auf, werden immer feinere Muster und Zusammenhänge sichtbar, an die zuvor keiner auch nur im Entferntesten dachte. Und diese Erkenntnistiefe ist​​ meines Erachtens unbegrenzt.

Der deutsche Physiker und Astronaut Prof. Dr. Ulrich Walter bemerkte​​ einmal, dass wir uns​​ zum Beispiel​​ den​​ Weltraum​​ nur allein​​ in seiner Größe gar nicht vorstellen können. Wir Menschen befinden uns mit unserer Erde weder im Zentrum noch am Rand der Unendlichkeit. Und mittlerweile gibt es einige Dinge außerhalb unseres Verständnisses, die wissenschaftlich bewiesen und bestätigt worden sind – wie gesagt aber außerhalb​​ der Möglichkeit des menschlichen​​ Verstehens.

 

Wer hat bei den Germanen das Wissen?

Ja und wer weiß nun gut über diese Dinge Bescheid und wie stellten sich unsere Vorfahren dies vor? In jedem Fall hat es damals wie heute Menschen gegeben, die über einen überdurchschnittlich hohen Kenntnisstand und/oder eine weite Sicht der Dinge verfügten. In den mir bekannten alten polytheistischen Religionen ist absolute Weisheit und Macht nirgendwo gegeben, und oft wird​​ in den Mythologien um Erkenntnisgewinnung​​ geworben, gehandelt und getrickst.

Bei den Germanen ist meines Erachtens sehr gut erkennbar, dass es verschiedene Quellen der Weisheit gibt, die aus unterschiedlichen Epochen der Religiosität stammen und überlappen. So sind die​​ ursprünglicheren​​ Riesen mit enormen Wissen ausgestattet,​​ ebenso​​ später​​ die Wanen und​​ dann​​ auch die Asen.​​ Gerne wird das so gesehen, dass hier Bevölkerungsbewegungen und/oder Glaubensänderungen stattgefunden haben, mit denen die älteren Gottheiten​​ oft​​ dominiert und teilweise auch​​ auf dualisierende​​ Weise in ein schlechteres Licht gerückt wurden.​​ 

Neben vielen Riesen werden die Elben als wissend beschrieben, die Zwerge, die Wassergeister​​ (Quellgeister, auch​​ an Bächen und Seen), Freya, Kwasir, Frigg, Seherinnen wie Veleda oder Walaburg, auch verstorbene Seherinnen wurden angerufen. Wissen und Ratschläge suchten​​ sie​​ bei den​​ Ahnen und​​ Toten​​ und mit Sicherheit auch bei​​ Priestern, die bei den Germanen​​ vermutlicher​​ weise​​ aber nicht so einen ausgeprägten Status hatten, wie bei anderen Völkern.​​ 

Für die meisten heutigen Heiden ist Wodan bzw. Odin ein Gott, der in puncto Weisheit und Entdeckergeist eine hohe Verehrung genießt. Neben seiner Wahrnehmung im Außen​​ (z. B. Wind/Erkenntnis)​​ ​​ ist er zeitgleich ein Seelenanteil eines jeden Menschen. Bei dem einen mehr, beim anderen weniger ausgeprägt. C. G. Jung spricht hier von einem Archetypus.​​ 

Bemerkenswerterweise​​ streiten manche Leute darüber, ob die Göttinnen und Götter nun​​ „echte Gottheiten“​​ sind oder „nur Archetypen“. Dabei übersehen in den hitzigen Debatten viele, dass es nicht nur ein entweder/oder gibt, sondern​​ ebenfalls​​ ein sowohl/als auch!​​ Gerade das macht doch die Beseeltheit der Welt aus, die sich in des Menschen Geist spiegelt. So kann ich​​ zum Beispiel​​ die Kraft des Donar in einer Eiche wahrnehmen, in Blitz​​ und Donner ganz deutlich erkennen​​ und auch seine rasende Kraft in mir als Triebfeder spüren. So einfach ist das.

 

Wodan/Odin

Eine der Triebfedern des Wodan/Odin im Menschen ist eine Art von Rastlosigkeit, die im Entdecken und dem Wissen seine Erfüllung findet.​​ Eine auch zutiefst menschliche Eigenschaft. Gerade das macht ihn schon fast auf familiäre Art verständlich. Man kann sich Sachen beibringen lassen (von Freyja z. B. die Seidhkunst), genau beobachten und seine Schlüsse daraus ziehen, höheren Einblick durch Kontrollverlust bzw. Ekstase erreichen (in der​​ nordischen Mythologie: Wodans Finden der​​ Runen am Weltenbaum)​​ oder sich Wissen durch Raub (Odrörir) oder Tausch (Mimir) aneignen.​​ Man kann aber auch seine Frau fragen (Frigg weiß um mehr als Wodan. Er bekommt aber nicht immer Antworten von seiner Gemahlin)…

Der einen Suchenden bestimmende Seelenanteil wurde von C. G. Jung als Wotan-Archetypus beschrieben. Wodan/Odin dürstet es stets nach Erkenntnis, die er auf vielfältige Weise erlangt. – nicht aber, ohne etwas dafür zu leisten.

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Bild oben: Robert Engels (1903) – Odin am Brunnen der Weisheit

In dem Gemälde „Odin am Brunnen der Weisheit“ sieht man ihn als Wanderer, der am Fuße der Weltenesche an​​ Mimirs Brunnen Weisheit schöpft. Im Gegenzug musste er als Pfand ein Auge​​ hinterlegen (Völuspá).​​ Selbst nachdem Mim(i)r sein Haupt verlor, (Sigdrifalied)​​ sprach er mit Odin und redete in Runen, derer er​​ (Mimir)​​ demzufolge auch mächtig war. Dass abgetrennte Köpfe fürderhin Weisheit verkünden können, ist übrigens im indogermanischen Mythenkreis nicht ungewöhnlich.

Mimir wird sprachwissenschaftlich mit „nachdenkend“, „sinnend“, „Gedächtnis (memo, mnemo, minne)“ bzw. “Wissen“ in Verbindung gebracht. Er wird als urweiser Wasserriese beschrieben, der nicht nur Wodan beriet, sondern mindestens auch zwei Zwerge. Mimirs Born entspringt unter einer der drei Wurzeln des Weltenbaumes.​​ 

 

Seherinnen:​​ Wodan bedient sich zum Beispiel in der Völuspá​​ einer verstorbenen Seherin mit Namen​​ Heiði, die​​ er​​ zur Entstehung der Welten und der fernen Zukunft vor einer Versammlung von Menschen befragt (sie gebietet Heimdalls Geschlecht Andacht – das sind die Menschen).​​ 

Odin bei der Völva Heidi

Bild oben:​​ Emil Doepler: Odin bei der Völva​​ Heiði

 

Der​​ Zwerg​​ Thjodreyrir​​ sang vor Dellings Schwelle (Eingang zu einer Felshöhle)​​ den Asen Kraft, den Elben Tüchtigkeit und​​ hohe Weisheit dem Hroptatyr (Skaldischer Beiname Odins).

 

Mit dem​​ Riesen​​ Wafthrudnir ging Odin, sich als Gagnrad ausgebend, in einen Wettstreit des Wissens, dem Wafthrudnir letztendlich nur unterlag, weil Odin​​ ihm​​ eine Frage stellte, die​​ er nur​​ selbst beantworten konnte (was Odin seinem Sohn Balder bei dessen Begräbnis​​ ins Ohr flüsterte).​​ 

Gunnlöd,​​ die Tochter des Riesen Suttung, bewacht in einer Felsenhöhle den Dichtermet im Kessel Odhrörir. Beim Friedensschluss der Wanen mit den Asen spien diese in einen Kessel und so entstand​​ Kwasir, eine Gestalt, die auf alles eine Antwort wusste. Kwasir wurde aber von den Zwergen Fjalar und Gjalar erschlagen und sein Blut mit​​ Honig vermischt, aus dem dann der Dichtermet gebraut wurde.​​ Diesen erzwang sich der Riese Suttung von den Zwergen und bewahrte ihn in drei Gefäßen in​​ einer Felsenhöhle auf. Odin​​ ließ sich vom Bruder des Riesen mit Rati (einem Bohrer) ein Loch in den Fels bohren, verwandelte sich in eine Schlange und kroch durch dies Loch hinein in die Höhle zu Gunnlöd, welche er verführte und später je einen Schluck aus jedem dieser Gefäße nehmen durfte. Diese trankt er aber ganz leer, verwandelte sich in einen Adler und entfloh mit allem Dichtermet.