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Balder und Loki, in uns und um uns

 

Baldur und seine​​ heimtückische Ermordung –​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​​​ Ein immerwährender Spiegel der Gesellschaften?

 

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Abbildung oben: Loki, Ólafur Brynjulfsson, Eddahandschrift von 1760

 

Schließt eure Herzen sorgfältiger als eure Tore.​​ 

Es kommen die Zeiten des Betrugs,​​ 

es ist ihm Freiheit gegeben.​​ 

Die Nichtswürdigen werden regieren mit List​​ 

und der Edle wird in ihre Netze fallen.

 

J. W. v. Goethe

(Aus Götzens von Berlichingen letzten Worten)

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Mythen sind unglaublich vielschichtig und in ihrer Aussage mehrfach bewertbar.​​ Der Leser​​ mag sich nun​​ berechtigterweise​​ fragen, was​​ das mit Baldur und​​ Götz von Berlichingen zu tun hat.​​ In diesem Artikel stelle​​ ich​​ ansatzweise​​ diese Vielfalt und auch oberflächliche Widersprüchlichkeiten​​ anhand des Baldur-Mythos dar​​ und​​ finde, man kann​​ das Thema sogar​​ mit​​ letztendlich​​ politischer Dimension​​ bewerten.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Ich gehe davon aus, dass der Mythos um die Gottheit Baldur den meisten bekannt ist, verzichte​​ daher​​ auf tiefgreifende Erläuterungen und​​ steige direkt in Beschreibungen des Gottes Baldur und seinem Umfeld ein.

 

Baldur - ein Gott des Lichtes ​​ ​​ ​​ ​​​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Nach meiner Wahrnehmung wird​​ Baldur​​ in heidnischen Kreisen​​ in aller Regel als ein Gott des Lichtes wahrgenommen.​​ Die Sonne selbst ist​​ ja​​ in der​​ germanischen​​ Mythologie eine weibliche Gottheit​​ namens Sol bzw. Sunna.​​ Und​​ Gott​​ Baldur​​ ist​​ vielmehr das damit einhergehende Licht und steht​​ dadurch​​ natürlich​​ mit der Sonne​​ ​​ in engem Zusammenhang.​​ Darum werden die Sonnenwenden auch gerne in Verbindung mit Baldur gefeiert.​​ Mit dem Tagesgestirn zieht sich das Licht in der nördlichen Hemisphäre ab der Sommersonnenwende​​ um den 21. Juni wieder zurück und die Tage werden kürzer. Bis zur Wintersonnenwende, denn ab Weihnachten wird es von Tag zu Tag wieder heller. Ein ewigwährender Kreislauf der Jahreszeiten.​​ 

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Mani (Mondgott) und Sol – Lorenz Frølich 1895

Keine reine Vegetationsgottheit

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war es modern, die polytheistischen Mythologien und Gottheiten maßgeblich auf die Vegetation zu beziehen und damit​​ ihrer Vielfältigkeit​​ zu​​ beschneiden, ja sie mit dieser Reduktion​​ sogar zu verfälschen.​​ Auch die Gottheit Baldur. Natürlich ist die Vegetation auf der Erdoberfläche von der Sonne, der Wärme und dem Licht abhängig und nutzt deren Energie.​​ In​​ Beziehung​​ zu verschiedenen Gottheiten​​ gibt es​​ hier​​ selbstverständlich​​ irgendwie​​ auch Zusammenhänge,​​ wie später erläutert wird. Das darf​​ aber nicht darüber hinwegtäuschen,​​ dass die Quellenlage hierzu äußerst spärlich ist​​ und viel vermutet wird. Letztendlich​​ waren wir aber damals alle nicht dabei, um hier genaueste Auskunft​​ über die Ansichten unserer Altvorderen​​ geben zu können. Gemeinhin hat sich die Wissenschaft​​ des „Vegetationswahnes“ glücklicherweise entledigt.​​ Götter werden – platt ausgedrückt - halt nicht nur in Dingen des pflanzlichen Wachstums sondern auch wegen seelischer, heilender und z. B. auch gesellschaftlicher Bedürfnisse angerufen.​​ 

 

Baldur - ein freundlicher Gott

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Der Gott Baldur ist​​ damit auch​​ ein Teil eines unglaublich vielfältigen Zusammenspiels verschiedener Kräfte in der Natur aus der Betrachtungsweise der Menschen heraus. So wird die Wiesenmargerite im Norden Baldurbrá (Baldurs Augenbraue) genannt. Deren weiße, hellglänzende Blütenblätter sind ein Zeichen für die lichte, strahlende, glänzende Erscheinung des Gottes. Eigenschaften, die zwar vielen Gottheiten zu eigen sind, besonders aber dem Baldur.​​ 

 

Kein Jesus

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Baldur wird häufig mit Jesus verglichen oder sogar als „germanische Jesus-Figur“ dargestellt. Sicherlich ist das lichte Wesen dieser Gottheiten oberflächlich ähnlich. Baldur hatte​​ aber​​ nicht bewusst gelitten, um die Last der Sünden der​​ Menschen auf sich zu nehmen und​​ deren Verfehlungen zu tilgen. Das widerspräche wohl auch sehr dem damaligen Verständnis von​​ „Religiosität“​​ und würde​​ sogar​​ ein Schuldigkeits- und Abhängigkeitsverhältnis erzeugen. „Erlösen“ müssen sich die Menschen schon selbst.​​ Das ist ein ganz wichtiger Unterschied, wie ich finde.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Im Gegenteil wird er auch als​​ ein hervorragender Kämpfer beschrieben, was Hans Thøger Winther, dem damaligen Zeitgeist geschuldet,​​ deshalb wohl​​ so veröffentlichte: ​​ 

 

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Balder kann auch ganz anders. Eine vielleicht etwas heroisierende Vorstellung mit Rüstung, Helm, Schwert und Schild aus dem Jahr 1828.​​ 

 

Zusammenspiel der Kräfte/Götter

 ​​​​  ​​ ​​​​ Nach meiner Auffassung​​ ist Baldur​​ zwar keine​​ Vegetationsgottheit, steht aber mit dem pflanzlichen Wachstum​​ und damit auch der Ernte​​ in​​ kausal-mythologisch​​ wahrnehmbarer​​ Verbindung.​​ Ergänzend haben​​ wir in der nordischen Mythologie​​ hinsichtlich des pflanzlichen Wachstums​​ noch​​ einige​​ weitere​​ beteiligte​​ Gottheiten​​ wie​​ Freyr, Freyja, Thor, Sif,​​ Sunna/Sol, Jördh usw. usw.​​ Denn pflanzliches Wachstum ist ja​​ zum Beispiel​​ ohne Erde​​ (Jördh/Nerthus)​​ und Wasser nicht möglich. Auch das „kleine Volk“, die vielen, fast unscheinbaren Helferlein in Sachen Wachstum​​ darf man nicht vergessen.​​ Und diese​​ günstig zu stimmen, ist​​ in der alten Zeit​​ für die breite Masse der Menschen​​ wohl​​ um ein Vielfaches dringlicher gewesen, als der „große Kult“​​ um​​ zum Beispiel​​ die Gottheiten​​ Odin, Frigg und Tyr.​​ 

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Nerthus/Jördh (Feldprozession), von Emil Doepler

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Also: die Sonne erstrahlt, es wird Licht. Das Licht der Sonne ist wärmend und veranlasst den Keim in der Erde zu erwachen. Und damit die Saat überhaupt aufgeht, ist Wasser vonnöten. Für ein​​ weiteres​​ gutes Gedeihen​​ muss Wasser in Maßen vorhanden sein. In Massen wie auch als Hagel kann es sich​​ allerdings​​ als schädlich erweisen.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Und für alles ist eine bestimmte Gottheit ein wenig mehr verantwortlich. So kommt mit Baldur natürlich​​ nicht nur das Licht​​ über uns und auf die Welt, denn mit dem Licht der Sonne ist die Wärme gekoppelt (es gibt auch kaltes Licht) und die Sonne selbst ist Sol/Sunna.​​ Donar/Thor als „Wettergott“ bezwingt den Frost („erschlägt Reifriesen​​ im Osten“​​ in der Mythologie, also die Unbilden des Winters) und lässt Regen kommen - manchmal zugegebener Weise​​ etwas heftig.​​ Donars Gemahlin Sif hat​​ goldenes​​ Haar, welches mit den Halmen und Ähren des Getreides assoziiert wird.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ An das Licht (Balder) sind​​ ja auch die​​ Wachstumsrichtung​​ und die Blüte der Pflanze gekoppelt. Ein schönes Beispiel hierfür ist die kleine Schwester der Margerite, das Gänseblümchen. Sie neigt sich dem Licht zu und schließt ihre Blüte bei Nacht und sogar bei wolkenverhangenen Tagen.​​ Ist vielleicht deshalb die „Blütengöttin“ Nanna seine Gemahlin, welche nach Baldurs Tod (nach Mittsommer), selbst verstorben (die Hochblütezeit ist vorbei), aus dem vermeintlich jenseitigen Reich Blumengrüße „zurücksendet“?​​ Denn es blüht ja immer noch, nur nicht mehr so heftig und​​ das​​ auch noch​​ in abnehmender Tendenz. Das Gänseblümchen (englisch Daisy – Days Eye)​​ öffnet sich​​ dem​​ Licht, dem Tag also und nicht​​ der Nacht. Wenn Licht, also Helligkeit über die Erde kommt, ist mehr Blühen​​ vorhanden, als in der Dunkelheit.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Das heißt zum Beispiel: Ohne Sol/Sunna würde Baldur zwar die Herzen erwärmen und die Blüte anregen, sich dem Licht zuzuwenden, nicht aber​​ alleine​​ den Keim aus der Erde treiben, dazu bedarf es eines​​ Zusammenspieles​​ der Kräfte.

 ​​ ​​ ​​​​ ​​ Soweit die Interpretation nach​​ den altisländischen Aufzeichnungen. Sie beschreiben ein Pantheon, welches sich in dieser jüngeren Mythologie verdichtete und nicht unbedingt lokalen Glaubensvorstellungen entsprochen haben muss. Vor allem, wenn man regional gelebtes Heidentum (mit Regionalgottheiten) aus anderen Epochen und Ländern damit vergleicht. Ohnehin ist die Quellenlage hierzu spärlich.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Nun aber zu weiteren, üblichen Interpretationen:

 

Hödur​​ wusste nicht, was er tat…

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Baldur stirbt durch Hödur, seinen blinden Bruder. Dies kann ein Sinnbild​​ (blind = dunkel)​​ für den Winter sein, der den Sommer bezwingt und umgekehrt natürlich, denn auf einen Winter folgt wieder ein Sommer. Selbst nach dem Ragnarök, dem „germanischen Weltuntergang“ kehren​​ Balder und Hödur wieder zurück. Balder ist tot – es lebe Balder! Es wird nie aufhören, die Jahre vergehen im Wechsel vom Auf und Ab des Lichtes. Im Kleinen wie im Großen. Tod, Wiedergeburt und Veränderung, denn immer erstrahlt das Leben in neuem Glanze und wird niemals das Gleiche sein. Sonst wäre Stillstand in der Welt. ​​ 

 

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Bild oben: Die Rückkehr von Baldur und Hödur von Anker Eli Petersen

(Briefmarke​​ der Färöer, Wikicommons)

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Die Blindheit von​​ Hödur​​ kann​​ aber auch ein Sinnbild der Unschuld/“Blauäugigkeit“​​ sein. Denn in der Mythologie bringt der listige Loki den Hödur dazu, mit einem Mistelpfeil auf Baldur zu schießen, dem einzigen Material, welches Baldur zu Fall bringen kann. Doch das​​ weiß​​ der​​ gute Hödur nicht. Er beteiligt​​ sich​​ nämlich​​ an einem Spiel, in welchem die Asen​​ Baldur in Annahme von dessen​​ Edelhaftigkeit und​​ Unverwundbarkeit mit allerlei Geschossen bewerfen. Nichts konnte Baldur etwas anhaben. Nur die unscheinbare Mistel ist dazu in der Lage, was aber keiner weiß. Außer Loki. Und der begeht diese Tat auch nicht selbst, sondern lässt sie​​ ausführen.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Darum sollte man​​ im Scherz oder aus Übermut​​ keine​​ unnötigen​​ Wagnisse eingehen. Wir haben in Anlehnung an ein Sprichwort aus dieser Geschichte gelernt: „Loki ist ein Eichhörnchen“​​ ​​ Also unglaublich schnell und gewandt, daher unvermutet und zwar im negativen Sinne! Aus der Mythologie wissen wir außerdem, dass das Eichhörnchen Ratatoskr auf der Weltenesche auf und ab​​ rennt und Zwietracht sät. Wie​​ passend​​ -​​ und eine gute Überleitung zum nächsten Abschnitt. Denn es geht ja nicht nur um Fahrlässigkeit, sondern auch um​​ eine folgenreiche​​ bewusste Täuschung.

 

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Lorenz Frølich: Der getroffene Baldur

 

Loki der Listenreiche​​ – im Dienste der Asen

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Listen sind oft angewandte Mittel zur Erreichung von Zielen. Allerdings hat die betrügerische Anwendung häufig einen negativen Beigeschmack. Auch beim lachenden Dritten, dem Nutznießer. ​​ Nicht umsonst heißt es „Man liebt den Verrat, aber hasst den Verräter“, denn es könnte einen selbst irgendwann einmal treffen.

 ​​ ​​ ​​ ​​ ​​​​ Nützlich war Loki den Asen, als er einen Riesen (Hrimthurs)​​ bei der​​ Errichtung einer Mauer um Asgard störte. Denn der Riese hatte​​ (als Riese​​ unerkannt, eine Täuschung!)​​ seine Hilfe angeboten, die Mauer innerhalb eines Zeitrahmens aufzubauen, der eigentlich unmöglich einzuhalten war. Mit seinen riesenhaften Fähigkeiten und Hilfe seines Hengstes schien ihm dies​​ dann​​ wohl doch zu gelingen. Da die Entlohnung ein​​ im Grunde​​ nicht leistbarer Preis gewesen ist, ließen sich die Asen von Loki mit einer seiner Listen helfen. In einem Ablenkungsmanöver verwandelte sich Loki in eine Stute und lockte den Arbeitshengst des Riesen von der Baustelle solange fort, bis der​​ Zeitpunkt der geplanten Fertigstellung überschritten war. Die Mauer war zwar fast fertig, das Entgelt fiel aber komplett aus. Eine List (eigentlich sogar eine Gegenlist) bescherte ihnen eine Leistung ohne Gegenleistung. Loki hat sich als hilfreich erwiesen.

 

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Bild von Dorothy Hardy aus dem Jahr 1909 (für Hélène Adeline Guerber):

Loki (im Hintergrund als Stute) lenkt den Hengst Svadilfari ab

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Nach dem Motto „Das einzige Werkzeug, das bei ständigem Gebrauch immer schärfer wird ist die Zunge“, erweisen sich dienstbare Geister zweifelhaften Charakters oftmals als unbeherrschbar, da sie eine Eigendynamik entwickeln können. In der​​ Lokasenna (Lokis Zankreden) will​​ Loki​​ Unfrieden unter den Asen​​ stiften und​​ beschimpft in einer Festhalle viele von ihnen und stachelt sie sogar gegeneinander auf. Dies ist der Anfang des Untergangs, welcher​​ über Baldurs Tod schlussendlich in Ragnarök mündet.

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W. G.​​ Collingwood (1908): Loki beschimpft Bragi

 

Baldur, Hödur und Loki in uns allen

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Wollen nicht viele von uns verlässlich und stark sein, weil​​ wir in Gemeinsamkeit,​​ Stärke und Herzenswärme mehr miteinander erreichen können​​ und uns geborgen fühlen? Wir sind doch aber auch alle​​ zum Teil​​ ein wenig blind und bemerken vielleicht​​ oft​​ gar nicht, dass wir benutzt werden​​ -​​ oder wollen es vielleicht auch gar nicht wissen?​​ Wenden wir nicht selbst manchmal kleine oder vielleicht​​ auch größere Listen an, um Ziele zu erreichen – und sei es z. B. auch nur die „Krokodilsträne“ oder gar die Selbstinszenierung als Opfer, obwohl man eigentlich​​ „Täter“​​ ist?​​ Und beurteilen wir uns nicht auch selbst und befinden uns manchmal in Konfliktsituationen mit uns selbst?

 

Baldur, Hödur und Loki in der eigenen Familie, dem Verein oder der Dorfgemeinschaft

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Das kennen wir doch, dass sich zum Beispiel der eine Fußballspieler immer „edel“ verhält und fair und offen spielt und den anderen, der mehr oder weniger heimlich die Regeln verletzt und sich selbst fallen lässt, um von seinem Fehlverhalten abzulenken.​​ Oder die​​ Schwester, die​​ ihrem​​ älteren​​ Bruder​​ eine Rechtschreibschwäche vorgaukelt, um sich von seinem Klassenkameraden (der bekanntermaßen selbst eine Freundin hat) „Nachhilfeunterricht“ geben zu lassen. Nach Auffliegen dieser „stürmischen Zusammenkünfte“ hatte sie das natürlich nie gewollt.​​ Und da​​ wäre natürlich noch im Dorf der Herr Peterson, der seiner jungen Nachbarin offen und herzlich zu einer bestandenen Prüfung gratuliert und der Herr Maier, der​​ aus lauter Missgunst seine​​ diesbezüglichen​​ Beobachtungen verfälschend offen deutet und seine Mitmenschen​​ so gegeneinander aufhetzt.​​ Frau Müller drischt in blinder Empörung mit drauf ein und schon ist ein kleiner „Vernichtungsfeldzug“ im Gang, der seine Kreise zieht. Herr Maier freut sich diebisch.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Im Kleinen sind solche Dinge ja noch recht überschaubar. Doch je größer die Gesellschaften sind, umso perfider gestalten sich die Methoden, Netzwerke und Verschleierungstaktiken der Agierenden.

 

Baldur, Hödur und Loki in der Gesellschaft und bei den Mächtigen.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Erleben wir das denn nicht immer wieder, dass nach Machterlangung​​ sich​​ erst der wahre Charakter eines Menschen entfaltet? Zeigt sich dann nicht auch, dass Macht korrumpiert? Was muss man alles in einer Gesellschaft tun, um an die Macht zu kommen? Reicht es,​​ so zu sein,​​ wie Baldur gerne gesehen wird – edel, stark und gerecht?​​ Kommt man damit in dieser Gesellschaft weiter und wie weit kann man damit kommen?​​ Muss man sich hart durchsetzen und/oder listenreich sein, um bestehen zu können – schließlich wollen viele an eine Machtposition herankommen und schmieden auch Bündnisse, manchmal auch nur auf Zeit.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Das was schon in Familien vorkommt, setzt sich in lokalen, regionalen und überregionalen Gemeinschaften fort. Dass​​ das schon immer so war, belegt die Geschichte zur Genüge. Heutzutage ist es nur schlechter zu erkennen, da die staatlichen​​ und auch religiösen​​ Konstrukte zu groß und undurchsichtig​​ geworden sind. Solch monströse Gebilde neigen in verstärktem Maße dazu, dem Einzelnen die Selbstverantwortung und Macht zu entziehen und​​ abhängig zu machen, obwohl immer​​ mit aller Scheinheiligkeit vehement​​ das Gegenteil behauptet wird.

​​  ​​ ​​​​ Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Es scheint im Erbgut verankert zu sein, dass immer ein bestimmter Prozentsatz kriminell veranlagter Persönlichkeiten mit​​ sozialen Defiziten​​ das Licht der Welt erblickt. Im Laufe des Heranwachsens erkennen viele dieser Menschen die nackten Schwächen ihres Handelns und passen sich der Gesellschaft mit ihren​​ Normen an, um in ihr existieren zu können.​​ Ohne allerdings​​ dass sie​​ ihre Grundenergie verloren zu haben. Sie verhalten sich nur deutlich geschickter als die​​ offensichtlichen Verbrecher,​​ bekleiden zum Teil gute Positionen in Wirtschaft und Politik und verhökern das Tafelsilber​​ der Gemeinschaft, um sich selbst, oftmals als Handlanger noch größerer Verbrecher, zu bereichern.

 ​​ ​​ ​​​​ Machen wir uns nichts vor: Oft sind wir doch​​ wie Hödur,​​ die Blinden, die sich blind lenken lassen und meinen, immer das Gute zu tun,​​ weil wir die Hintergründe nicht kennen.​​ Wir denken, immer hilfreich sein zu müssen, obwohl damit​​ die Maschinerie des Leides tatsächlich noch weiter befeuert wird – anstatt die Ursache der Ursache zu hinterfragen und mit der Problembeseitigung an der Wurzel des Übels anzusetzen.​​ Die Gefahr besteht ja, dass ein Weltbild über den Haufen geworfen wird, was für viele aber​​ eine sehr große, fast traumatisierende Enttäuschung​​ bedeutet, die ein normal veranlagtes soziales Wesen gar nicht sehen möchte.​​ Der listige und trickreiche Politiker hetzt doch gerne mal die Leute gegeneinander auf,​​ um anderen die Pfründe zuzuschustern (dem „Finanzadel“). Dem sind die​​ Gemeinschaften und deren Werte wie Familien, Zusammenhalt, Volksgemeinschaften,​​ Sozialstrukturen, eine gute Allgemeinbildung, Kultur, Recht- und Sozialstaatlichkeit​​ auch​​ vollkommen​​ egal, weil das bloß​​ beim Ausbeuten​​ stört.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Das sind keine ungewöhnlichen Abläufe und sie kommen mehr oder weniger in allen Gesellschaften vor und das schon seit Menschengedenken. Es ist also keine Erfindung der Moderne. Nur die Methoden sind undurchsichtiger geworden und zum Teil vielleicht​​ auch ein wenig heuchlerischer,​​ auf jeden Fall aber​​ größer dimensioniert.

 

Die Worte

 

„Schließt eure Herzen sorgfältiger als eure Tore.​​ 

Es kommen die Zeiten des Betrugs,​​ 

es ist ihm Freiheit gegeben.​​ 

Die Nichtswürdigen werden regieren mit List​​ 

und der Edle wird in ihre Netze fallen.“