Chauken, Sachsen oder was denn nun?

Sachsen, Chauken oder was denn nun?​​ Von Gerald Rohfeld

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Die Liste derjenigen Stämme, die in dem Stammesverband der Sachsen (nicht mit den heutigen Sachsen zu verwechseln!) aufgingen, ist ziemlich lang. Hier eine kleine Auswahl: Angrivarier, Avionen, Chauken, Cherusker, Reudinger usw… manchmal vielleicht auch nur Teilstämme. Ich vermute, dass man das gar nicht so 100 %ig sagen kann, da die Quellenlage wie so häufig sehr vage ist.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Und wer hat’s aufgeschrieben und so quasi historisch belegt? Natürlich die überaus schreibtüchtigen Römer. Plinius d. Ä. und Tacitus liefern fast unsere einzigen Schriftquellen zu den damaligen Verhältnissen. Man muss aber deren Erzeugnisse unter Berücksichtigung des persönlichen und politischen Einflusses betrachten, so dass über die Auslegung ihrer Schriften auch nach zwei Jahrtausenden immer noch diskutiert wird.​​ 

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Um in dieser Angelegenheit einen kleinen Überblick zu geben und allgemein verbreitete Missverständnisse aufzudecken, habe ich diesen Kurzbeitrag geschrieben. Bei tiefergehendem Interesse kann sich jeder selbst belesen. Der Rahmen dieses Beitrags wäre deutlich gesprengt worden, wenn ich die Thematik eingehender beleuchtetund mit epischen Quellenauszügen unterlegt hätte.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Kerngebiet der Chauken und auch der späteren alten Sachsen liegt im Elbe-Weser-Dreieck mit Überlappungen u. a. bis in die heutigen Niederlande hinein. Es wird vermutet, dass der Name der Sachsen von einem germanischen Stamm von Schleswig-Holstein im Rahmen der üblichen Wanderungs- bzw. Vereinnahmungsbewegungen nach Süden über die Elbe kam.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Diese wohl kriegerische Landnahme war anscheinend sehr erfolgreich, denn viele Stämme wollten offensichtlich an diesem Ruhm teilhaben und schlossen sich in der Folge mit den anderen dort ansässigen Stämmen zu “den Sachsen” zusammen. Allianzen zu schmieden, war sowieso sinnvoll und im Kommen, da man sich anders dem imperialen Streben immer größer werdender Bedrohungen nicht erwehren konnte.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Der Name der Sachsen kommt von dem einschneidigen Schwert, dass allgemein als Sax bekannt war und bezeichnet quasi eine “Schwertgenossenschaft”.

Bild oben: Diese Karte zeigt an, wo die Chauken ansässig waren. Quelle: Wikimedia Commons

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Aufgrund diverser Übernahmen und Allianzenbildungen sind schon vor der eigentlichen Völkerwanderungszeit einige Stammesnamen verschwunden. Die räumlichen Grenzen waren m. E. sowieso ”ständig fließend”. Kulturell waren sie sich innergermanisch wohl so ähnlich, dass eine Assimilisierung annähernd reibungslos vonstatten ging.

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Die Küstenlinien verschoben sich auch noch von Zeit zu Zeit, was den Hebungen und Senkungen des Landes und des Meeresspiegels geschuldet war. Der ständige Kampf mit dem nassen Element prägte das Leben dieser Menschen. So was sorgte unter anderem auch für große Not und Wanderbewegungen.

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Der Name der Chauken soll “die Hohen” bedeuten, weil sie auf erhöhten natürlichen und künstlich aufgeschütteten Plätzen siedelten. Ich persönlich empfinde die mir ebenfalls bekannte Namensherleitung von “chabukoz = Habicht” als viel wahrscheinlicher, zumal ein Habicht ja ebenfalls ein “Hoher” ist, der auf Bäumen lauernd ansitzt und hoch am Himmel auch manchmal seine Markierungsflüge macht, mit denen er sein Revier anzeigt. Meines Erachtens ist die Namenswahl “die Hohen” von einem edlen Greifvogel abgeleitet viel wahrscheinlicher und schließt die Nutzung von Wurten, Warften bzw. Terpen als erhöhte Siedlungsplätze natürlich nicht aus.​​ 

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Auf jeden Fall sind die Chauken auch als “tüchtige Seeräuber” in die Geschichte eingegangen Ein Ruf, der auch den Sachsen anhaftet. Da Plünderungen damals gängige Praxis waren, ist aufgrund des dort allgegenwärtigen Wassers die Nutzung von Booten zu diesem Zweck naheliegend. Auch die Römer litten während der Zeit der Chauken und Sachsen unter diesen Maßnahmen und dokumentierten sie aus ihrer Sicht.

 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Ab etwa 150 n. d. Ztr. wurden die Chauken, Reudigner und eventuell auch die Avionen im Elbe-Weser-Dreieck zusammenfassend als Sachsen bezeichnet. Der Übergang von den Chauken in den Stammesverband der Sachsen dürfte sich von etwa 150 bis 300 oder spätestens 400 vollzogen haben. Im 5. Jahrhundert sind dann Teile der „Küstensachsen“ gemeinsam mit vielen Angeln, aber auch Friesen und Jüten nach Britannien abgewandert. Aber auch schon vor der eigentlichen Völkerwanderungszeit hatte es ständig Wanderungen gegeben

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Der unermüdliche Abwehrkampf der heidnischen Sachsen gegen das christliche Frankenreich im achten Jahrhundert ist wohl jedem von uns bekannt. Gerade diese Freiheitsliebe gepaart mit Kampfkraft und Beharrlichkeit fasziniert auch heute noch viele, sollte aber nicht zur Verklärung führen. Umgekehrt neigen aber manche auch dazu, deren Opfer und Leistungen zu schmälern, was genauso verkehrt ist.

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Der Name der Sachsen ist im Laufe der späteren Reichsentwicklung in gewissem Sinne elbaufwärtss gewandert, nicht aber der Stamm. Schon früh unterschied man zwischen Ober- bzw. Hochsachsen und Niedersachsen, weil die Lage an der Ober- bzw. Niederelbe namensgebend war. Wohl deshalb entschied man sich bei Gründung der Bundesrepublik Deutschland dafür, dem nordwestdeutschen Bundesland mit dem Territorium der vormals zu Preußen gehörenden Provinz Hannover den Namen Niedersachsen zu geben.​​ 

 ​​ ​​ ​​ ​​​​ Zu den sogenannten Altsachsen gehörten also u. a. die ehem. Chauken, Avionen, Reudigner, Engern, Ostfalen und Westfalen und wahrscheinlich einige Stämme mehr, nicht aber die nun niedersächsischen Friesen, dafür sind einige Altsachsen u. a. nach NRW “ausgelagert“ worden. Insgesamt also ein prominentes Beispiel dafür, wie komplex solch ein Themengebiete sein kann. Darüber hinaus gilt der weise Kommentar eines hochgeschätzten Wissenschaftlers: “Wir waren alle nicht dabei…”

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