Zählsystem, Rune oder Kratzer?

Prähistorisches Zählsystem, Kratzer oder Runen/Schriftzeichen?

Ein interessantes einheimisches,​​ prähistorisches Zahlensystem

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Bild oben: Ausstellungsplakat​​ ​​ “Der geschmiedete Himmel​​ ​​ (in Halle)” Quelle: Wikimedia Commons By originally uploaded on de.wikipedia by MiriamBauer at 22:07, 27. Dez 2005. Filename was Ausstellungsplakat Der geschmiedete Himmel.JPG., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=486998

Etwa im Jahr 2003 oder 2004 herum​​ hatte ich die Ausstellung “Der​​ geschmiedete Himmel“ in Halle besucht.​​ Aktueller Grund war natürlich das Flaggschiff der Ausstellung, die Himmelsscheibe von Nebra, welche mich sehr interessierte und zu dem Zeitpunkt die gesamte Fachwelt gehörig durcheinander wirbelte. Weil es sich bei der Ausstellung augenscheinlich um eine gelungene, internationale Kooperative handelte, konnte ich dort glücklicherweise auch den berühmten Sonnenwagen von Trundholm bewundern und viele weitere Artefakte aus der Bronzezeit.  ​​​​ 

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Bild oben: Sonnenwagen von Trundholm, Dän. Nationalmuseum Kopenhagen, Photo von Gerald

Fast beiläufig fiel mir ein, wie die Himmelsscheibe ebenfalls in Sachsen-Anhalt überdauertes und gefundenes Zahlensystem, auf, das etwa​​ aus dem Jahr​​ 2000 v. d. Ztr, also der​​ Bronzezeit,​​ stammt, was ich nachstehend ohne weitere nachträgliche Recherche aus​​ dem Gedächtnis​​ wiedergebe:

/ = 1, // = 2, /// = 3, //// = 4, \= 5,​​ 

/ ​​ \ = 6, // ​​ \ = 7, /// ​​ \ = 8,//// ​​ \ = 9, \\ = 10,​​ 

//// ​​ \\\  ​​​​ = 19​​ 

Alte Zählsysteme hatten ihren praktischen Zweck

Dem Leser fällt bestimmt auf, dass es unserem Strichzählsystem ähnelt, das immer noch Anwendung findet, obwohl gut und gerne viertausend Jahre dazwischen liegen. Praktische Dinge überdauern halt, obwohl es andere, logisch aufgebaute und zeitgemäße, also quasi offizielle Systeme gibt – die Frage ist halt, in wie weit sie einen gemeingebräuchlichen Nutzen in der breiten Masse und dort ihren dauerhaften Impakt hatten und streckenweise immer noch haben (auch überlappend). Beispiel: eine Bierdeckelrechnung mit Strichen ist auch heutzutage manchmal deutlich besser anwendbar, als das jedem bekannte Schulrechensystem mit den arabischen (ursprünglich indischen) Ziffern, was sich berechtigter Weise allgemein durchsetzte.

Was man heutzutage manchmal immer noch – in meinen Augen aber mittlerweile eher unberechtigterweise – beim kaufmännischen Rechnen durchtradiert findet, ist das 12er-System. Das Gross (findet man als Begriff aber fast nur noch in Kreuzwortrrätseln) als Zahl ist 144, (12 x 12). Angeboten werden Waren häufig immer noch in 3er-Abstufungen und deren Vielfaches (1 kostet soundsoviel, 3 á soundsoviel, 6 á soundsoviel, 12 á soundsoviel usw.). Das hat seinen Hintergrund ganz offenbar in der Teilbarkeit. 12 ist öfters und differenzierter teilbar als die 10,​​ was im Handel seinen praktischen Nutzen hatte: Man kann Waren leichter aufteilen (Teilt man 10 Ziegen durch drei oder vier, hat man hinterher eine ziemliche Sauerei), ohne sie aufwendig zu zerteilen und es lässt sich in diesen Dimensionen leichter handeln und der Rest unversehrt wieder mit nach Hause nehmen. Probiert es selbst einmal aus und teilt 12 Erbsen durch zwei oder durch drei oder durch vier. Hier stößt das 10er-System schon früh an seine praktischen Grenzen. Man kann im 12er-System also durch mehr und auch öfters teilen, als im 10er-System. Beispiel: 12 geteilt durch zwei ist sechs, sechs geteilt durch zwei ist drei. Hier hat man immer noch ganze Zahlen, mit denen man praktischer im Warenverkehr in diesen Größenordnungen umgehen kann.

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Bild​​ oben: Kompassrose, Quelle: Wikimedia Commons,​​ https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=193674

Die Kompassrose, Sternzeichen und ein Stück Erdbeerkuchen

Na, was hat das wohl miteinander zu tun? Seit Harald Lesch (oftmals Daumen hoch) weiß wohl jeder Doku-Junkie, dass es früher dreizehn Sternzeichen gab. Das dreizehnte war der sogenannte Schlangenträger. Weil der Himmel und damit der Horizont mit dreizehn aber nur sehr unpraktisch teilbar ist, ließ man das lästige kleine Sternbild einfach weg und alles hatte seine gute Ordnung.​​ 

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Bild oben: Sternzeichen Schlangenträger, Quelle: Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schlangentr%C3%A4ger.svg?uselang=de

Das Himmelsrund ist mathematisch durch zehn unproblematisch teilbar, doch verliert diese Methode leider ihren praktischen Wert, weil der Verstand des modernen Menschen in seiner Vorstellung halt einfach ganz anders tickt. Solche, mit dem menschlichen Verstand nachvollziehbare und gleichzeitig praktisch umsetzbare Bilder bzw. Modelle ​​ sind meines​​ Erachtens ein ganz wichtiges Thema, denn oft werden Dinge aufgrund falscher Vermutungen oder unzureichend bekannter Zusammenhänge schlichtweg falsch bewertet.​​ 

Mit schreierischen „Totschlagargumenten“ kommt auch noch eine andere Problematik auf eine wohl durchdachte und möglichst objektive Betrachtung zu. ​​ So was Ähnliches hat wohl schon jeder mal erlebt – in dem Zusammenhang mal als Beispiel: „Boah, wat’n Unsinn. Jeder Mensch hat doch zwei Hände mit je fünf Fingern, macht zusammen zehn. Das ist einfach und jeder kann das überall auf der Welt am eigenen Leib nachprüfen. Alles klar (gemeint ist bei dieser Argumentation wohl eher: Widerspruch zwecklos!), oder?“ Natürlich nickt erst einmal jeder reflektorisch und gibt dem Besserwisser (oder unwissenden, aggressiven Rechthaber) erst einmal mit einem Mangel an Protest und Hinterfragung Recht. Wir sind ja „Herdentiere“.​​ 

Dass z. B. dieses 12er-System in dem damaligen Rahmen ​​ äußerst sinnhaft war, wird aber erst nach dem Einsatz von reichlich Hirnschmalz deutlich. Nachteile finde ich aber überall, denn andererseits wird jeder „politisch korrekte Gastgeber“ eher seinen 13. Gast ausladen, als dass er seinen Kuchen schief anschneidet. Die Dame des Hauses mit Geodreieck in der Küche, das wäre doch mal ein Anblick, oder? An dieser Stelle bitte ich den Leser um Nachsicht für den Anflug von Satire in den letzten beiden Abschnitten. Man möge es aber bitte als Auflockerung verstehen.

Verwechselungsgefahren​​ und fragwürdige Motivationen

Um den Leser nun noch etwas mehr zu verwirren, gehe ich jetzt noch kurz auf die Verwechselbarkeit von Zeichen ein, was in der Archäologie eine riesige Rolle spielt Damit erklärt sich nämlich auch der weitestgehend benötigte Erhalt des Fundumstandes, was sich einem interessierten Laien wie mir allerdings auch nicht immer erschloss.

Denn: Handelt es sich nun um eine bronzezeitliche 6 (sh. oben: /\, eine schlampig geritzte, römische 5 oder ein“lat. „U“ auf dem Kopf, eine einzelne, fiktive und damit deutlich zu hinterfragende „Sturz-Uruz-Rune“ oder sind es einfach nur schlichte Kratzer? Oder, oder, oder? Zur besseren Beurteilung sollten die Profis das möglichst unversehrte Fundumfeld berücksichtigen können. Und hier muss man mal wieder vorsichtig mit der eigenen Neugier sein…

 

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