Zurück zu Archiv/Alte Artikel usw.

Zwei besondere germ. Grabformen

 

Zwei besondere germanische Grabformen:

a)​​ offene Steinkiste und b) Grabhügel mit "Quarzhaube"

 

VON JÖRG GERALD ROHFELD

 

 

Ein Jahr nach dem IASC (International Asatru Summercamp) im​​ schwedischen Unnaryd am Unnensee stattete ich dem dort ansässigen Bernhard Bös und seiner Gattin Zulfiia​​ Anfang August 2016 einen Besuch ab. Neben der Gastfreundschaft genoss ich die anregenden Gespräche mit dem Ehepaar und zwei mir bereits 2015 in Aussicht gestellte Exkursionen zu Grabstätten im näheren Umfeld.

 

Bernhard Bös ist​​ von Hause aus studierter Ethnologe (M.A.) mit den Nebenfächern Psychologie und Archäologie. Er wohnt schon seit vielen Jahren am Bolmen, dem größeren See neben dem Unnensee in Westschweden.

 

C:\Users\Jörg\Desktop\Zwei besondere germanische Grabstätten\P8070177.JPG

 

Bild oben​​ (Foto von Gerald): Bernhard Bös

 

 

Der Name Bolmen ist indogermanischen Ursprungs. "Bol" kann am besten mit "groß" übersetzt werden (verwandt mit dem deutschen Wort "voll"). Um im Norden des Bolmen zusätzliches bewirtschaftbares Land zu gewinnen, wurde sein Pegel vor über einhundert Jahren künstlich um einen Meter gesenkt. Es wird angenommen (sh. unten), dass der Wasserspiegel des Sees in vorgeschichtlicher Zeit aber noch höher lag. Interessant bei der Betrachtung der Flurbezeichnungen und Namensgebungen von Inseln und Teilen des Sees ist, dass auf der Westseite des Bolmen häufig Götterbezeichnungen zu finden sind. Beispiele hierfür sind "Odensjö", "Torarp", "Torö", "Tiraholm (Genitiv zu Tir)", "Tira öar (Inseln)". Außerdem befindet sich halbwegs mittig im See eine "St. (stora = groß, nicht zu verwechseln mit sankt) Helgaholmen"-Insel, was auf eine heilige Insel hinweist.

 

 

Offene Steinkiste

Der erste Ausflug führte uns zu "Bedjarör", einem Gräberfeld, welches in der schwedischen Eisenzeit von etwa 500 vor bis 500 nach der Zeitrechnung wohl von einem großen nahegelegenen Hof oder einer Siedlung angelegt und über einen langen Zeitraum kontinuierlich frequentiert wurde. "Bedja" ist mit den deutschen Verben "bitten" bzw. "beten" am besten zu verstehen und "rör" leitet sich von "röse" ab, einer Bezeichnung für einen steinernen Grabhügel. Das Bemerkenswerte an diesem Gräberfeld sind eisenzeitliche Steinkistengräber, die zur nach Süden gewandten Seite seit der​​ Errichtung schon keinen Verschlußstein hatten und daher an "minimalistische Hünengräber" - mit der in der Steinzeit gebräuchlichen Öffnung in der Südseite - erinnern. Diese Ausführung ist eine Besonderheit und nur hier anzutreffen.

 

C:\Users\Jörg\Desktop\Zwei besondere germanische Grabstätten\P8050167 - Kopie.JPG

 

Bild oben​​ (Foto von Gerald): Offene Steinkiste

 

 

Grabhügel mit "Quarzhaube"

 

Auf der Halbinsel Tiraholm ist beim Abtauen des letzten Eispanzers ein kleiner Höhenzug als Endmoräne entstanden. Hierauf befindet sich eine Ansammlung von Gräbern (auf den vorgelagerten Inseln Tira öar ebenfalls) in Form von Steinpackungen, die mittig größtenteils eine Kuhle aufweisen, was auf Plünderungen bzw. Raubgrabungen hindeutet. Auf einem hiervon sind bemerkenswerterweise zuoberst kleinere Quarzsteine in die Steinpackung eingearbeitet worden, die - je nach Deponierungslage - einen leuchtenden, glitzernden Eindruck machen können. Quarzsteine sind nur selten in Steingrabhügeln zu finden. Diese Tradition ist in Südschweden anzutreffen und konnte in 25 Steingrabhügeln nachgewiesen werden.

 

C:\Users\Jörg\Desktop\Zwei besondere germanische Grabstätten\P8060174.JPG

 

Bild oben: Hier sind im vorderen Bereich die​​ hellen​​ Quarzsteine gut zu erkennen

 

 

1998 fand unter der Leitung der schwedischen Archäologin Anne​​ Carlie an dem betreffenden Hügel eine 8-tägige Sektionsgrabung statt, an welcher auch Bernhard Bös teilnahm. Dieser Grabhügel​​ wurde ausgesucht, weil er wegen eben jener Quarzsteine im Rahmen einer Forschungsarbeit über Fruchtbarkeitssymbole in das Raster passte. Hierbei wurden germanische Fruchtbarkeitskulte (u. a. auch getrocknete Pferdepenisse - Nathalie Cue Gomez berichtete in einer früheren Ringhorn-Ausgabe hierüber) mit indischen verglichen. Ausschlaggebend war der Hinweis auf "heilige weiße Steine in Phallusform". Diesen Begriff prägte Theodor Petersen im Jahre 1906 und bezog sich dabei auf das südwestliche Norwegen. Weiße Steine sind als "Grabkugeln" übrigens​​ auf Steinsetzungen in Schweden gefunden worden, wobei die Farbe bei den Grabkugeln als Zeichen der Wiedergeburt gesehen werden kann. Gemeinhin werden sie als Symbol für die Weiblichkeit gedeutet, im Gegensatz zu den aufrecht stehenden phallusartigen, weißen Steinen.

 

C:\Users\Jörg\Desktop\Zwei besondere germanische Grabstätten\Theodor_Petersen.jpg

 

Bild oben (Wikipedia): Theodor Petersen, norwegischer Archäologe, 1875 - 1952

 

 

Das Ergebnis der Grabung war, daß es sich um einen Steingrabhügel mit 8 Metern Durchmesser handelt und einer Höhe von nicht ganz einem Meter. Der Kernhügel besteht aus 5 Lagen von Steinen verschiedener Größe, samt einer äußeren Schicht von zerschlagenen Quarzsteinstücken unter Einmischung von grauem Sand (ggf. Flugsand). Diese Quarzsteine bedecken den Hügel aber nur in einem Radius, der geringer als der Durchmesser der Steinpackung ist, weshalb ich den Begriff "Quarzhaube" wählte.​​ Bernhard Bös merkt hierzu an, dass die Quarzsteinchen auf der Haube in die Ausgrabungskarte eingezeichnet wurden, dann im Museum gezählt, gewogen und wieder auf dem Grabhügel ausgelegt.​​ Weiterhin ist es in meinen Augen auch wahrscheinlich, dass diese Haube nicht vollständig, sondern netzförmig unterbrochen war. ​​ Eine Annahme von Anne​​ Carlie ist, dass der Grabhügel im Anschluss an eine frühere Strandkante lag, die jetzt ein gutes Stück niedriger liegt. Schlussergebnisse der umfassenden Forschungsarbeit sind mir nicht bekannt.

 

 

Spekulationen

Bernhard Bös ist passionierter Kajakfahrer und näherte sich vor einigen Jahren einmal paddelnd dem Platz, wo auf Tiraholm die Endmoräne mit den Steinpackungen zu finden ist. Dabei kam ihm auf dem See in Vorausschau der Ankunft natürlich die Vorstellung eines im Mondlicht glänzenden Hügels in den Sinn, was schon ein beeindruckender Anblick wäre. In diesem Moment kam ihm auch der Gedanke auf, dass die weißen Quarzsteine Verwendung fanden, um ggf. eine Reflektion des Sternenhimmels darzustellen, was ja im Zusammenhang mit einem Grabhügel durchaus Entsprechungen hat.​​ Später fand Bernhard Bös in dem inzwischen aufgelassenen Steinbruch westlich Unnaryd meist größere Stücke des weißen Quarzes, was eine rituelle Zerkleinerung für die Quarzhaube nahelegt.​​ 

 

Bei Betrachtung der Karte der Umgegend mit Orts- und Flurbezeichnungen fiel mir auf, dass die Namen mit Götterbezeichnungen allesamt im Westen des Bolmensees liegen, mit Ausnahme der St.​​ Helgaholmen-Insel, die sich etwa mittig darin befindet. Dabei kam mir der Gedanke auf, dass der Zugang zum Reich der Toten über das Wasser gemäß dem Sonnenlauf am ehesten im Westen vorzustellen wäre. Bestattungen in Schiffsform (Steinsetzungen und tatsächliche Schiffe) und kleine Opfergefäße in Gestaltung kleiner Boote unterstreichen diesen Gedankengang…

 

Vergleichender Ausflug in den Buddhismus

 

Bös hat einige Zeit in Indien verbracht, wo er öfters auf sogenannte Stupas stieß, welches glockenförmige Grabhügel sind und in ihrem Schichtaufbau das Weltall, den Kosmos symbolisieren, woraus er im Nachhinein eine Parallele zum Aufbau des Grabhügels in Tiraholm zog. Eine weitere Besonderheit, die ihm erstmals in Thailand begegnete, war eine Stupa, in der ein Holzpfahl als Baum bzw. Symbol der Weltenachse eingearbeitet wurde, darum herum der Kosmos. Die Ähnlichkeiten mit der germanischen Weltenachse bzw. dem Baum und den ihn umgebenden neun​​ Welten sind schon verblüffend.​​ .​​ ("...die Rundung des Anda wird zum Abbild des unendlichen Kosmos. Das arische Sinnbild für die Achse des Universums, der in der Dorfmitte stehende Ratsbaum, erscheint im Stupa als senkrechte hölzerne Achse." (Architektur der Welt: Indien, Office du Livre, Fribourg, 1968, S. 90). In Deutschland die Dorf- oder Gerichtslinde.) ​​ 

Vorbuddhistischer Ursprung der Stupas (Wikipedia):

„…​​ Mit Stupa​​ (Sanskrit​​ stup: ‚aufhäufen‘, ‚ansammeln‘) war in uralten Zeiten der längliche Stein- oder Erdhügel gemeint, der über den Überresten einer toten Person errichtet wurde. Zu einem unbekannten Zeitpunkt setzten die​​ Inder​​ einen Stab (eventuell bereits mit Schirm) in den Mittelpunkt der Halbkugel und beerdigten die nach der​​ Leichenverbrennung​​ übrig gegliebenen Knochen- und Zahnreste unter ihm. Der Stab wurde als Verbindung zum Zentrum des Universums angesehen, welches alle Energie sammelte und die Geburt allen Lebens beeinflusste. Die (Halb-)Kugel als Symbol für Vollständigkeit zeigte die Balance von Energie im Universum und wurde zum Symbol des Universums.​​ …“