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Wuldor – alter Gott, neu entdeckt

Wuldor – alter Gott, neu entdeckt

 

„Alles wird“ – also verwandelt es sich. Und so sind auch Religionen Veränderungen unterworfen, denn es können sich einerseits schlichtweg die Umstände (wie etwa in der Umwelt) ändern und neue Anforderungen begründen. Andererseits kann aus bestimmten Notwendigkeiten heraus die Geisteshaltung beeinflusst werden oder es finden politische Umwälzungen statt. Aus dem Wesen des einzelnen Menschen heraus ergeben sich ebenfalls Bedürfnisse. Gründe für Veränderungen oder unterschiedliche Ansprüche gibt es halt immer und reichlich.

 

So verhält es sich auch mit unserer Religion. Gute Beispiele hierfür sind z. B. die Gottheiten Tyr, Hel und Odin, um sie hier mit ihren nordischen Namen zu benennen. Oft werden im Laufe vieler Jahrhunderte Zuständigkeiten übertragen und Zeichen der Macht wechseln den Besitzer. Manchmal verkehren sich sogar die Einstellungen der Menschen bestimmten Gottheiten gegenüber von Machtfülle und Veehrung zu Abneigung bis hin zur Furcht. Immer deutlicher werden diese Verwandlungen, wenn man sich solche Verläufe nicht nur bei uns, sondern darüber hinaus auch innerhalb anderer Kulturkreise betrachtet, die andere Umstände vorfinden. Spannend wird es ebenfalls, wenn zwei Göttergeschlechter zusammengefunden haben oder es auch das Geschlecht der Riesen gibt...

 

Seit einiger Zeit beschäftigte ich mich eingehender mit dem Gott Uller, auch Wuldor genannt. Hierbei handelte es sich nach meinem Empfinden um eine Gottheit, die der Jagd, der Bewegung und irgendwie auch der Zähigkeit zugeordnet wurde und außerdem – wie ich las – auch des Kampfes, insbesondere des Zweikampfes. Wuldor ist häufig in Bezug auf den Winter anzutreffen und wird gerne als „Winter-Odin“ bezeichnet (Odins Stellvertreter in Walhall im Winterhalbjahr – vergl. hierzu Odins Verführung der Rind). In späteren Zeiten erlosch seine Verehrung streckenweise, da man in ihm die Unbilden des Winters zu sehen glaubte. Das war für mich sehr reizvoll, zumal ich den Winter nicht scheue, gelegentlich mit Pfeil und Bogen schoss und überhaupt viele Bezüge zu ihm zu haben empfand. Weiterhin der Reiz des Unbekannten, des scheinbar vernachlässigten Gottes... Gründe genug, dem eingehender nachzuforschen. Da ich gerne mit Zielen arbeite, hatte ich mir einen zeitlichen Rahmen gesetzt. So versprach ich Wuldor feierlich im Rahmen eines Mitsommerfestes, dass ich ihm 3 Monate später zum Erntefest ein Gedicht vortragen wollte. Also wälzte ich mich durch meine einschlägigen Bücher und suchte im Netz nach weiteren Mitteilungen. Außerdem war mir sehr wichtig, mich mit Bekannten gleicher Interessenlagen zu unterhalten und holte zeitgemäße Bezüge ein, da diese Gottheit auch für eine Wertigkeit stehen sollte, die möglichst viele ähnlich strukturierte Menschen ansprach.

 

In der alten Literatur fand ich einige Verse. So heißt es im Grimnismal (Übersetzung von Karl Simrock):

   5) Ydalir heißt es, wo Ull errichtet

   Für sich den Saal hat.

   Alfheim gaben dem Frey die Götter im Anfang

   Der Zeiten als Zahngebinde

 

   42) Ulls Gunst hat und aller Götter

   Wer zuerst die Lohe löscht,

   Denn die Aussicht eröffnet sich den Asensöhnen,

   Wenn der Kessel vom Feuer kommt.

 

In der Prosa-Edda heißt es im Gylfaginning:

 

31) Uller heißt ein Ase, Sohn der Sif und Thors Stiefsohn. Er ist ein so guter Bogenschütze und Schneeschuhläufer, dass niemand sich mit ihm messen kann. Er ist schön von Angesicht und kriegerisch von Gestalt. Bei Zweikämpfen soll man ihm anrufen.

 

Bei den Heldenliedern heißt es im alten Atlilied (Übersetzung von Felix Genzmer):

 

   31) „So geh’ dir’s, Atli – wie du Gunnar einst

   Eide geschworen und oft geleistet

   Bei der südlichen Sonne und Siegvaters Felsen,

   Bei dem Ross des Ruhbetts und dem Ringe Ulls!“

 

Saxo erwähnt in seiner Geschichte der Dänen, dass Ollerus (Ullr bzw. Wuldor) in Abwesenheit von Othinus (Odin bzw. Wodan) im Winterhalbjahr dessen Platz einnimmt. Weiterhin berichtet Saxo davon, dass Ollerus einen Knochen so zu bezaubern verstand, dass er sich desselben als kleines Schiff bedienen konnte.

 

Außerdem ist Wuldor auf dem Ortband von Thorsberg ​​ (Fundstück aus Schleswig-Holstein) in Runenschrift benannt worden.

 

In manchen Gebieten Schwedens und vor allem Norwegens wurde Wuldor als Hauptgott verehrt. So liegt z. B. ein Ullershov auf einer Landzunge am Zusammenfluss von Vorma und Glomma. Diese Anlage hatte sowohl politisch als Thingstätte als auch als Kult- und Opferplatz für den altnordischen Gott Ullr Bedeutung. Am Flughaven der norwegischen Stadt Oslo befindet sich Ullensaker (vormals Ullinshof). Der Namensbestandteil „-aker“, was bebautes Feld, Acker bedeutet, kam erst im 15. Jahrhundert hinzu. Besonders schön finde ich das Wappen dieser Ortschaft, weil darin der Gott Ullr abgebildet ist.

 

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Weitere Bezüge zu der Gottheit und dem Namen Uller/Wuldor findet man im Beowulf-Mythos. Außerdem wird der Name in diversen Textbeispielen als „himmlisch“ und „herrlich“ gebraucht. Ähnlichlautende indoeuropäische Worte haben im Deutschen die Bezeichnung „Ehre“ und „werthaftig.“

 

In unterschiedlichen Zeiten und geographischen Räumen finden wir Namen wie: Ull, Ullin, Ulr, Ullr, Uller, Oller, Holler, Ollerus, Vuldr, Vuldor, oder z. B. Wuldor.

 

Wuldor/Ullr wird auch als öndúráss beschrieben, was Skigott bedeutet. Bogaáss bedeutet Bogenase und veidháss bedeutet Jagdgott (vergl.​​ Weid bzw. Waid).​​ Als Schildase, Schlittschuhase und Schneeschuhase bzw. jeweils –Gott wird er auch bezeichnet. Eine manchmalige Benennung als Ackerbau- und Weidegott kann ich nicht nachvollziehen. Dies kann nach meiner Meinung aus der vorgenannten Ortsbezeichnung herausgedeutet worden sein, was in meinen Augen aber einen anderen Bezug hat, nämlich Acker bei Ullinshof.

 

Spannend in dem Zusammenhang ist die erste Abbildung eines Skifahrers. Sie wurde vor 4 – 5000 Jahren mit Klopfsteinen in Felsen gehauen und soll einen Skifahrer mit Wurfholz​​ darstellen, der eine Hasenmaske trägt (schmamanischer Jagdzauber). Der Fundort ist ein Moor auf der nordnorwegischen Insel Rödöy.

 

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Ob es sich hierbei allerdings um ein Wurfholz handelt, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich möchte es eher bezweifeln, da ich ähnliche steinzeitliche Abbildungen gesehen habe (spätere Funde aus anderen Kulturen) von Männern, die längere Stöcker tragen, wie dies noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts beim Skifahren üblich wahr. Der älteste Fund eines Skies ​​ stammt übrigens ebenfalls aus einem Moor. Diesmal aber aus einem schwedischen Moor bei Hoting. Es ist lt. Pollenanalyse rund fünfhundert jünger. Ich finde seine Form von der Seitenansicht beeindruckend modern:

 

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Interessant ist im Vergleich hierzu ein skifahrender Elchjäger auf einer russischen Felsgravur (etwa 3000 Jahre alt), wobei der Jäger ebenfalls eine Tiermaske trägt – in Wolfsform. Es scheint sich hier also um einen Jagdzauber zu handeln, der auch bei der Jagd auf den Brettern seine Anwendung fand. Jagdlicher Schamanismus ist ja in fast allen alten Kulturen nachgewiesen.

 

Anwendung seines Namens bzw. Verehrung in der Neuzeit: Auf einigen Medaillien wird Uller als Schutzpatron des Skifahrens ausgewiesen und erfreut sich bei Wintersportlern großer Beliebtheit. Hier zwei Beispiele solcher Medaillen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt nahezu überall in den skandinavischen und angelsächsischen Ländern Ski-Clubs und --Hotels, die Ullr in ihrem Namen führen, sogar in Australien! Skiskulen ebenfalls (auch in Deutschland). In den Rockies gibt es einen Ullr-Mountain und ein Ullr-Fest. Ein Internetshop wurde ebenfalls nach ihm benannt. In einem US-amerikanischen Internetgästebuch fand ich viele Einträge, die „Praise Ullr“ lauteten oder „Ullr still breathes upon us“ usw. Und es gibt dort als Wintersportfest witzigerweise die „Ullympics.“ Ich fand aber auch Bogensportvereine, die Wuldor erwähnen bzw. in ihrem Namen führen – ebenfalls in Deutschland. Hinzufügen möchte ich noch, dass ich bei meinem Oslo-Aufenthalt im Sommer diesen Jahres auf dem Holmenkollen, dem Osloer Berg mit der Skisprungschanze, folgende Medaille fotographierte (Kein Namenshinweis - ohne nähere Titulierung):