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Tiu-Lied zum Singen und Tanzen

 

Tanzen? Es hat geklappt!!!

Im Mai hatten wir ja unsere Thingveranstaltung im idyllischen Ottenstein. Und bis dahin hatte ich mir vorgenommen, ein Gedicht in germanischer Langzeile zu schreiben und so zu vertonen, dass es als Kreistanz nach alter Sitte taugt.

Folgende Vorgaben habe ich​​ mir​​ aus alten Liedern, schriftlichen Quellen und eigenen Erfahrungen​​ bei der Erstellung dieses Tanzes gemacht:

  • Beim Kehrreim und den Strophen sollen je Zeile vier Hebungen und Senkungen (abwechselnd) eingearbeitet werden – wobei die Senkungen ruhig mehrsilbig sein, dafür aber schneller (Achtel- oder Sechzehntelnoten) gesungen werden​​ können, um auf den Takt zu kommen.

  • Mischung aus Stab- und Endreim.

  • Einfachste Schrittfolge (Links, ran. Links, ran. Rechts, ran. – Und immer so weiter)

  • Viervierteltakt.

  • Auf- und abkletternde Tonfolgen, damit ein einfacher Fluss entsteht.

  • Hebung auf den Stab (Stammsilbe), wobei der Auftakt immer betont sein soll.

  • Die letzte Zeile in jeder Strophe soll am Ende eine halbe Pause haben, in der nicht gesungen, aber weiter getanzt wird.

Nach der Erarbeitung und Stichwortnotierung zum Thema Thing und Tiwaz ging es an die​​ dichterische Umsetzung. Dabei war mir eine Abmischung anrufender, erklärender und versprechender (im Sinne von verbindlicher Zusage) Bestandteile wichtig, damit die Teilnehmer sich​​ auf die Wichtigkeit der im Anschluss stattfindenden beratenden und entscheidenden Versammlung (Thing) einstimmen und quasi auch „vergattern“, das heißt auf eine Ordnung verpflichten, um einen guten Thingverlauf zu gewährleisten.

Nachstehend wird das Lied in Kehrreim und den Strophen aufgeteilt und einzeln erklärt. Die Unterstriche markieren jeweils die Hebung (Betonung) der​​ Silben.

 

Der Kehrreim:

Heil​​ sei Dir​​ Tiu,​​ hoher Gott in​​ Asgard.

Heil​​ sei Dir​​ Tiu,​​ Tiu, schick uns​​ Heil.

Heil​​ sei Dir​​ Tiu,​​ hoher Gott in​​ Asgard.

Heil​​ sei Dir​​ Tiu,​​ Tiu, schick uns​​ Heil.

 

Im Kehrreim wird der Gott der Thingversammlung angerufen – Tiwaz. Ansonsten wird hierin dem Gott Heil gewünscht und​​ die Gegengabe​​ erbeten​​ bzw.​​ eingefordert.

 

Strophe 1:

Hoch​​ über​​ Himmeln im​​ Norden Dein​​ Stern.

Dort​​ siehst Du​​ Dinge, die​​ uns​​ manchmal​​ fern.

Send​​ uns vom​​ Weitblick, den​​ Du​​ gesehen​​ hast.

Tiu​​ sei​​ unser​​ Gast.

 

In der ersten Strophe wird auf den Weitblick und übergeordnete Verbindlichkeit des Gottes hingewiesen. Ähnlich wie der Nordstern wird Tiwaz mit der Weltensäule bzw. – Achse verglichen, um welche sich alles dreht. In einer für uns unvorstellbaren Ferne überblickt er Dinge und Verbindungen, die wir Menschen nur schwerlich erahnen können. Er ist unter anderem für Zusammenhänge und Verantwortlichkeiten stellvertretend, die wir in unseren Befindlichkeiten oft übersehen.

 

Strophe 2:

Auf​​ die​​ Ordnung​​ weist​​ Du uns​​ hin.

Was​​ uns zusammenhält im​​ tieferen​​ Sinn.

Rechte​​ wahrest Du, der​​ Ehre gibst Du​​ Pfand.

So​​ wissen​​ wir​​ um Deine​​ Hand.

 

In der zweiten Strophe wird erneut auf diese Zusammenhänge hingewiesen,​​ damit wir uns nicht von den Alltäglichkeiten in Richtungen lenken lassen, die uns nur scheinbar nutzen und langfristig eher sogar zerstörerisch wirken. Letztendlich​​ schneiden wir uns in das eigene Fleisch, wenn wir Händel eingehen, die als Ergebnis nur wie ein Strohfeuer wirken.

 

Strophe 3:

Dinge für​​ uns​​ lege​​ Du​​ auf die​​ Schneide.

Dass​​ sich das​​ Weise vom​​ tenden​​ scheide.

Trenne was​​ wertlos ist und​​ was​​ für uns von​​ Wert.

Denn​​ auch​​ dafür steht Dein​​ Schwert.

 

In der dritten Strophe wird auf Kalkül und Entscheidung aufmerksam gemacht, damit wir nicht überhastet und blindwütig reagieren. Eine gute Überdenkung in Hinsicht auf ein langfristiges Wohl ist insbesondere im Verhältnis zu einer blinden und überhasteten Reaktion sinnvoller.​​ Außerdem muss man sich manchmal von Ballast trennen oder auch zu schwere Lasten erst gar nicht​​ versuchen zu stemmen.

 

Strophe 4:

Sieh, wir versammeln uns, zu​​ feiern, zu beraten.

Wir​​ woll’n erwählen unsere​​ künftigen​​ Taten.

Weisheit und​​ Milde erfülle diesen​​ Raum.

Wie​​ unter​​ dem Lindenbaum.

 

In der vierten Strophe soll Tiwaz ein gutes Auge auf unsere Versammlung haben, da es um wichtige Entscheidungen geht. Und wenn wir diese fällen, ist übertriebene Härte oft durchaus fehlerhaft. Wer die Symbolik der Linde in dem Zusammenhang versteht, weiß Bescheid. Sie ist schließlich nicht umsonst der Gerichtsbaum.​​ 

 

Strophe 5:

Tiu​​ oh​​ Thinggott, wir​​ rufen Dich herbei.

Schütze und​​ schirme uns und​​ helfe uns dabei.

Mit​​ Deinem​​ Frieden erfromme uns​​ hier.

Denn​​ auch​​ Frieden halten​​ wir.

 

In der fünften und letzten Strophe rufen wir Tiwaz in unsere Mitte, damit er uns​​ in unserer Versammlung beisteht. Thingfrieden ist angezeigt…

 

Nach Fertigstellung und einigen „Trockenübungen“ hatte ich festgestellt, dass ich auf die absolute Genauigkeit der Langzeile verzichten musste, um das Gedicht nicht zu staksig wirken zu lassen. Außerdem kann man das dann so besser singen und ein besserer Fluss im Tanz wurde erreicht. Zuerst versuchte ich mich übrigens in einer Schrittfolge, die genau auf die Zeile abgestimmt war, damit​​ unter anderem die Singpause für ein gemeinsames bekräftigendes „Hey“ genutzt werden sollte. Aber auch das war zu kompliziert. Schließlich sollte es ja ein Tanz werden, der von Leuten ausgeübt wird, die sich nicht regelmäßig zum Tanzen treffen. Auch hier gilt: Weniger ist mehr!

 

Die​​ ersten​​ Versuche

Dann ging es daran, es mal mit​​ mehreren Leuten zu versuchen um​​ die Tauglichkeit des Liedes zu überprüfen. Zwei Tage vor unserer eigentlichen Versammlung waren​​ bereits einige von uns eingetroffen und​​ ich​​ ergriff die Gelegenheit bei Schopfe. Im Versammlungsraum machten wir uns ein wenig Platz, in dem wir ein paar Tische auf die Seite schoben.

Dann bat ich die Leute darum, sich im Kreis auf zustellen und wie folgt bei den Händen zu nehmen:​​ Die Arme nach vorne winkeln, dass der Unterarm in die Waagerechte kommt, linke Hand greift unter, rechte Hand greift über.​​ Soweit die Grundstellung.

Am besten man zählt einen Takt vor: „Eins, zwei, drei, und!“​​ Damit wissen alle​​ Mittänzer,​​ dass beim nächsten Schlag der erste Schritt zu erfolgen hat. Dieser geht mit dem linken Fuß nach links (immer Seitwärtsschritte, die Fußspitze zeigt während des Tanzes immer in die Kreismitte!), wonach beim zweiten Schlag der rechte Fuß nachgezogen wird und direkt neben​​ linken auftritt. Dann wieder der linke Fuß nach links, der rechte hinterher. Hiernach ist es umgekehrt, der rechte Fuß tritt seitwärts nach rechts und der linke Fuß​​ wird nachgezogen und tritt neben dem rechten auf. Diese Folge geht dann die ganze Zeit immer so weiter, bis das Lied beendet ist. Man soll dann den jeweiligen Seitwärtsschritt so ausführen, dass man mit einem leichten Stampfen auftritt. Den „Nachziehschritt“ führt man etwas verhaltener​​ aus.​​ Nachstehend zeige ich noch einmal die Schrittfolge auf und hebe die​​ stampfenden Seitwärtsschritte mit Fettdruck hervor:

 

Links, ran,​​ links, ran,​​ rechts, ran.

Links, ran,​​ links, ran,​​ rechts, ran.

 

Das ist aus dem Grund wichtig, weil die Stammsilbenbetonung des Liedes durch den Stampfschritt verstärkt wird. Beides ist dann nämlich während des ganzen Tanzliedes deckungsgleich.

So haben wir erst einmal nur den Schritt ausprobiert und nach anfänglichem Stolpern hat es dann bei allen geklappt. Dann haben wir das Lied mit einfließen lassen und sangen alle mehrmals den Kehrreim miteinander, während wir getanzt hatten.​​ Das hatte dann richtig gut geklappt und das Beste:​​ 

Ich sah nur glückliche Gesichter… man muss es halt einfach nur mal tun!

Dann gingen wir einen Schritt weiter und verbanden den Kehrreim mit den Strophen. Der Kehrreim wird von allen gesungen, die Strophen vom Vorsänger, in dem Falle von mir (Das dürfen aber ruhig mehrere StrophensängerInnen sein. Wichtig ist hier nur die Textsicherheit).​​ Und auch das hat ganz wunderbar geklappt.​​ 

Am nächsten Tag wiederholten wir die Übung und es ging alles viel reibungsloser von statten.​​ 

Einen Tag später dann die ​​ „Uraufführung“ vor der Versammlung. Mit Ausnahme eines Versehrten nahmen alle daran teil und für mich war es ein wunderschöner Augenblick, zu sehen, zu hören und zu spüren, wie wir alle mit dabei gewesen sind. Das Stapfen, die Melodie, das Einlassen auf das anstehende Verhalten während des Things, die Anrufung des Gottes Tiwaz – und das alles im gemeinsamen Rhythmus!

Da konnte nicht mehr viel schiefgehen und das Thing verlief zu aller Zufriedenheit! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann tanzen sie noch heute…

 

Wie geht es weiter?

Nun haben wir es in jedem Fall geschafft, hiermit eine alte germanische Sitte für uns in unserer heutigen Zeit brauchbar zu machen.​​ Zumindest erst einmal in diesem einen Fall.​​ 

Nach ähnlichem Muster können andere Lieder entstehen, die andere Dinge behandeln. Andere Gottheiten anrufen, Loblieder, Spottlieder, Göttergeschichten usw… Wie schon in einem vorherigen Artikel beschrieben, verändern gleichförmiger Takt, dumpfes Dröhnen, Rauschen und zum Beispiel auch flackerndes Licht die Wahrnehmung und stellt so eine tiefere Verbindung zu sich selbst und den angerufenen Wesen her.

Wenn man es erst einmal gewohnt ist, kann man auch Variationen​​ in den Tanz einfließen lassen und die Schrittfolge verändern, die Geschwindigkeit je nach Thema anpassen, mit der Mimik arbeiten (überträgt sich auch nonvisuell) und zum Beispiel auch mit der Festigkeit des Händedrucks.

Ich verstehe diesen Artikel als ein Beispiel und habe nichts dagegen, wenn das Lied von anderen Leuten/Gruppen übernommen wird. Ich will auch kein Geld dafür, wenn jemand es kopiert oder sich daraus Anleihen nimmt. Dafür ist das Thema gerade in Bezug auf die heidnischen Gemeinschaften viel zu wichtig. Meiner ist die Ehre, die reicht mir.

Übrigens wurde das Lied schon in’s Englische übersetzt und auf einer intern. Versammlung getanzt – mit Erfolg und Genuss…​​  ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​ ​​​​ Gerald

 

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