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Singen und Tanzen im Ritual 1

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Bild 1:​​ Titelbild über dem Artikel​​ (Felsbild von Bohuslän)

 

Gesänge, Tänze und Musik begleiten schon seit den frühesten Zeiten die Menschen bei ihren religiösen Handlungen. Gleichförmiger Takt, dumpfes Dröhnen, Rauschen, und zum Beispiel auch flackerndes Licht kann die Wahrnehmung verändern und so eine tiefere Verbindung zu sich selbst und den angerufenen Wesen herstellen.​​ 

Neben den Gesängen stellten gerade auch die Tänze einen grundlegenden Bestandteil der Rituale unserer Vorfahren dar, was in heutigen Kulthandlungen trauriger Weise immer noch viel zu kurz kommt. Um auf diesen Stellenwert hinzuweisen und sinnhafte Anregungen zu geben, befasst sich dieser Artikel hauptsächlich mit Tänzen im heidnischen Zusammenhang.

 

Tanz und Gesang bei heidnischen Festen und Feiern

von Jörg Gerald Rohfeld

 

. „Tanzen? Nein danke!“…

…„Ich kann doch gar nicht singen!“…

…oder ein verhaltenes „das sollten wir tun“…

…so oder so ähnlich habe ich es schon öfters gehört, als sich das Gespräch über Ritualgestaltung um diese Gedanken drehte. Eine andere Bemerkung war ein begeistertes:

„Ja, Tanzen - klasse!“

Die Vorstellung vom Tanzen erzeugt also eine ganze Bandbreite von Gefühlen. Von Spontanbefindlichkeiten mit Angstschweißausbrüchen über Teilnahmslosigkeit bis hin zur echten Freude. Beim Singen ist es in der Regel in abgemildeter Form ähnlich. Jeder Mensch hat ja schließlich auch ein Recht auf seine eigene freie Entscheidung. Sich aber gänzlich aus​​ solchen gemeinschaftlichen Dingen herauszuziehen ist oft nur schwer möglich. Es ist auch nicht sinnhaft, da die Teilhabe an einer Gesellschaft schließlich auch einen Beitrag verlangt - gerade wenn es um einen Gruppengeist geht, der von allen getragen wird.

Da die in unserem Kulturkreis vorkommenden Kreis- bzw. Reihentänze nicht mehr allgemein vorhanden sind und ​​ in früheren Zeiten sogar teilweise unter Androhung von schlimmen Strafen verboten wurden, hatte dies natürlich eine allgemeine Verkümmerung des körperlich-rhythmischen Ausdrucks nach sich gezogen. Starre und Zurückhaltung statt Freiheit des Geistes und der Bewegung. Die Gründe hierfür waren nur allzu häufig religionspolitischer Natur. Kein Wunder also, dass dieses tief in der menschlichen Seele verankerte Bedürfnis bei vielen Menschen überproportional mit Scham besetzt wurde.

Umso schöner ist es anzuschauen, wenn die Mundwinkel derjenigen, die einmal über den eigenen Schatten springen und sich im Takt bewegen, nach einer kurzen Weile sich wie von selbst nach oben ziehen. Schön ist es ebenfalls zu erleben, wie Menschen nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Gruppe mitsingen. Weil es aus Gründen der Vernachlässigung erst einmal Überwindung kostet, kann sich im Nachgang ein gewisser Grad der Erleichterung und Erschöpfung einstellen. Das ist vollkommen gewöhnlich, da sich der Geist erst wieder einmal neu zusammensetzen muss. Und das ist ein gutes Zeichen! Also: immer frisch gewagt!

 

Denn es ist​​ vollkommen natürlich, sich singend und bewegend mitzuteilen. Wer einmal Kinder bei ihren ersten Sprachübungen zugehört hat, weiß um ihre singende Ausdrucksform. Kinder stehen auch manchmal vor einer Sache und fangen wie von selbst an zu stapfen und zu tanzen. Dieses scheinbar einfache Singen und Tanzen ist ungefilterter Ausdruck der Seele – beneidenswert!​​ 

 

Zuerst die Lieder:

„…Das Sprechen von Kindern und einiger ursprünglicher Völkerschaften ist übrigens ein halbes Singen und scheint irgendwo in der menschlichen Natur zu liegen,…“ bemerkt es​​ Therese​​ von Jakob​​ treffend. Weiterhin nimmt sie an, dass das erste tatsächliche „Singen“ ein rhythmisches Heben und Senken des Tones ist, vergleichbar dem sogenannten​​ Rezitativ. Weissager und Dichter sangen in dieser Form und ihr Gesang wurde „Rede“ genannt. Die keltischen Druiden erteilten ihren Unterricht in Versform und die Reden der Asen und besonders Odins sind so voller Wohlklang, dass man sie „Liodasmidher“ (Liederschmiede)​​ nannte.

Übrigens ist der​​ Kehrreim​​ bei allen Völkern vertreten, was anscheinend einem natürlichen Bedürfnis gleichkommt, in der Rede, dem Gesang und dem Tanz eine Art rhythmische Wiederkehr zu erleben.​​ 

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Bild 2: Deckblatt einer Edda-Abschrift

 

Heldensagen​​ sind wohl zu allen Zeiten gesungen und balladenartig bis in das Mittelalter vorgetragen worden. So hatten die Lieder Vorbild- und Stärkungsfunktion. Lieder und Tänze des Kampfes wurden ebenfalls häufig bezeugt. Spätes Zeugnis hiervon sind die Kämpferlieder der Dänen und Schweden, die mit den Eddaliedern und den Sagas verwandt sind. Mythologische Märchen gestalteten sich später zu Ritter- und Riesenfabeln. Gerade in Schweden und Dänemark sind vielfach auch Runen- und Verwandlungslieder überliefert. Im ganzen Norden sind auch Gespensterlieder bekannt, die in ihrer überlieferten Form christlich gefärbt sind. Diese betreffen Bindungen gefühlsmäßiger Natur (z. B. Liebe, Schuld usw.) und hatten in heidnischer Zeit bestimmt eine andere Ausprägung. Ganz deutlich wird dies bei den Liedern über Habor und Signild und Axel und Walborg. Bei Habor und Signild, dessen Erlebnisse im neuesten Gewand des dreizehnten Jahrhunderts eine starke christliche Beeinflussung haben, ist dies hervorragend nachzuvollziehen. So wird diese bereits von Saxo Grammaticus erwähnt und die Entstehungszeit wird aber allgemein auf das zweite oder dritte Jahrhundert geschätzt. Ist Habor in der älteren Fassung beispielsweise der Mörder Signilds Brüder, fehlt dies in der jüngsten Fassung völlig. Stattdessen schleicht er sich in Mädchenkleidern in Signilds Gemächer ein unter der Vorgabe, dass er das Weben erlernen​​ möchte. Nichtsdestotrotz endet das Lied tragisch mit Erhängung Habors, woraufhin ihm Signild durch Verbrennung mit allen Dienerinnen (noch nach nord. Vorbild) nachfolgt.

In der eddischen und auch der älteren deutschen Dichtung wurde der​​ Stabreim​​ verwendet. Und wie wir von vielen Eddaliedern wissen, wurden diese im Norden in der Sangesweise des „Fornyrdalag“ gedichtet, der aus Langzeilen gebildet wird, welcher sich auch in deutschen Stabreimgedichten wiederfindet. Diese Langzeilen wurden später wohl aus stilistischen Gründen durch in sich selbst stabende sogenannte kürzere „Vollzeilen“ ersetzt, die auch in der Lieder-Edda wiederzufinden sind. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass die Leute, die in skandinavischer Zeit für das Aufsagen der Gedichte zuständig gewesen sind „þulr​​ (Thulr)“ genannt wurden. Diese Leute waren Ritualredner und in wichtiger religiöser Stellung für den Ablauf des Rituals zuständig.

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Bild 3: Horn von Gallehus

 

In der beiden gemeinsamen vorausgehenden „germanischen Langzeile“ wird diese in zwei Halbzeilen aufgeteilt, die mit einer kurzen Pause unterbrochen wird (Anvers und Abvers). In diesen Halbzeilen werden jeweils zwei Wortsilben betont. Hierbei spricht man von Hebungen.​​ Die Anzahl der Senkungen (unbetonte Silben) steht nicht fest. Die germanische Langzeile hat also einen gewissen wiederkehrenden Aufbau, welcher aber in nicht „in Stein gemeißelt“ ist und in begrenzter Weise als ein freies Versmaß beschrieben werden kann. Das älteste schriftliche Zeugnis einer Langzeile ist übrigens die Inschrift eines der Goldhörner von Gallehus aus der beginnenden Völkerwanderungszeit (etwa 400), die da lautet: „ek​​ hlevagastiz​​ holtijaz​​ horna tawido“.

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Bild 4: Inschrift auf einem der Goldhörner

 

Laut der Vorrede der Gebrüder Grimm von „Irische​​ Elfenmärchen“ von 1825 sind bei den germanisch- als auch den keltischstämmigen Völkern in ihrer Poesie besonders häufig „…übernatürliche Wesen und ihr lebhaftes Interesse an menschlichen Angelegenheiten…“ anzutreffen und - wie es „von Jakob“ schildert - was sie von den slawischen und südwestlich gelegenen europäischen Nationen unterscheidet. So ist in den skandinavischen Ländern, in Deutschland und auf den britischen Inseln zum Teil immer noch der Glaube an die Elfen usw. vorhanden, was natürlich auch in Gedicht und Gesang seinen Einfluss hatte.

 

In vielen Epen des Mittelalters ist eine anscheinend allgemeine Entwicklung in unseren Breiten ganz deutlich zu beobachten. Nämlich dass die Lyrik zugunsten der Epik immer mehr verdrängt wurde.​​ Die ursprünglicheren Lieder wurden also mehr gesungen als gesprochen.​​ 

An dieser Stelle sei auf den isländischen Rezitationsgesang hingewiesen, der sich​​ Rimur​​ nennt. Hierbei handelt es sich um einen Vortrag in halbsingenden Versen, welcher seit dem 14. Jahrhundert nachgewiesen ist und wohl sicherlich viel älter ist. Ich selbst habe ihn mehrfach​​ gehört und empfinde ihn ähnlich dem „Chanten“. Wer mag, kann sich unter​​ 

http://www.inreykjavik.is/stafnbui-islandische-rimur-auf-cd-mit-ausfuhrlichem-booklet/

schlau machen und sich unter​​ http://shopicelandic.com ​​​​ einen Tonträger bestellen. Der Sänger Steindor Andersen ist mir persönlich bekannt und beschäftigt sich seit seiner Jugend mit den Rimur. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese alte Tradition zu beleben, was ihm auch gelingt. Gerade auch im religiösen Zusammenhang ist diese Singweise sehr wertvoll, wie ich finde.

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Bild​​ 5: Steindor Andersen

 

Nun zum Tanzen:

Es gibt religiöse Tänze, Kriegstänze, Theatertänze, Ausdruckstänze​​ und Gesellschaftstänze, wovon die religiösen Tänze im christlichen Abendland nur noch durch die Prozessionen nachhallen.

 

Das Wort Tanzen​​ ist von der Herkunft her unklar. Nach Kluges etymol. Wörterbuch bedeutet ​​ „dansa“ (Tanz) soviel wie „Zug“ oder „ziehende Reihe“. Im Romanischen ist „danse“ belegt, was sich aber vom gotischen „thinsan“, ahd. „dinsan“ ableitet. So scheinen auch hier mal wieder Worte zwischen den Sprachen hin- und hergewandert zu sein. Weitere germanische Worte für Tanzen sind „friejan“ und „tumbjan“, was mit taumeln verwandt ist und ahd. „tûmôn“ bedeutet „sich im Kreise bewegen“. Das germanische „laikan“ bzw. „leichan“ bezeichnet einen springenden Tanz. Im isl. ist der Begriff „Wiki-Waki“ bekannt und als „Pendeltanz“ beschrieben.

 

Und es wurde zu den​​ verschiedensten Gelegenheiten​​ getanzt, so z. B. beim Opfer (Gild), zu Hochzeiten und auch zu Begräbnissen, was nachstehend noch aufgeführt, und insbesondere durch die vielen kirchlichen Verbote immer wieder bestätigt wird.

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Bild 6: Ein Felsbild von Bohuslän

 

Die ältesten Nachweise​​ von Tänzen in unseen Kulturkreisen sind die Felsbilder von Bohuslän (von denen hier einige Ablichtungen in den Text eingebaut werden) und höchstwahrscheinlich die Schnürröcke aus bronzezeitlichen Gräbern. In Jütland und Nordschleswig wurden in Baumsärgen Frauenleichen gefunden, die mit einem bauchfreien Oberteil und einem hüftlangen Rock bekleidet waren, an deren Enden klimpernde Bronzescheibchen und –röhrchen angebracht waren (Außerdem wurde eine bronzene Schmuckscheibe gefunden, die von einem Gürtel vor dem Bauch getragen wurde). Solch ein Schnurrock wurde übrigens an einer Bronzefigur in Jütland gefunden, bei der sich das abgebildete Mädchen akrobatisch zu einer Brücke über den Rücken gestreckt hat.​​ 

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Bild 7: Tänzerin

 

Solche „Ritualtänzerinnen“ sind in exakt diesen Körperhaltungen u. a. aus dem pharaonischen​​ 

Ägypten bezeugt und die Bekleidung dieser ist​​ identisch. Die Ähnlichkeit dieser Schnurröcke mit den heute immer noch üblichen Bauchtanzgürteln ist enorm.

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Bild 8: Bekleidung des Mädchen von Egtved

 

Weiterhin sind die eisenzeitlichen​​ Trojaburgen​​ vielfach als Ritualorte beschrieben worden, in denen im rituellen Tanz eine Jungfrau befreit wurde (Es gibt immer noch öffentliche Tänze und die Tanzlinden, unter denen getanzt wird. Das Wort „Schlangenziehen“ für einen Polonaisetanz hat Ähnlichkeit zum „Wurm“ oder der „Wurmlage“, in der getanzt wurde (Trojaburgen). „Troie“ ist übrigens der mittelalterliche Ausdruck für Tanzen und wird auch gerne mit „Drehen“ übersetzt).