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Der Ritualstab

Der Ritualstab: Bedeutung und Herstellung

Von​​ Vidar​​ Jarlsson

 

Der Stab ist ein wichtiges Symbol und Werkzeug in vielen Traditionen und Religionen. Im Ritualkontext hat er u.a. folgende Funtionen:

(a) als Symbol der Autorität oder Macht (Amststab im britischen Parliament, Bischoffsstab usw.);

(b) als Zeichen der Weisheit (z.B. der knorrige Stab von Odin oder dem koreanischen Berggeist);

(c) als Symbol des Weltenbaumes und der Verbindung zwischen Himmel und Erde bzw. der Mitte der Welt.

Im Ritualkreis kann der Stab ein wirksames Hilfsmittel sein, um sich zu erden und zentrieren. Man steht quasi in der Mitte der eigenen Welt, verbunden mit Himmel und Erde und gleichzeitig mit den​​ anderen TeilnehmerInnen im Ritual.​​ Das bringt ein Gefühl von Ermächtigung aber auch​​ Besinnung, besonders wenn man den Stab selbst gestaltet und mit bedeutungsvollen symbolischen Elementen versehen hat.​​ Ich habe bisher drei Ritualstäbe für mich selbst gemacht und möchte​​ jetzt​​ ein bisschen von dem Herstellungsprozess und meinen Gedanken und Erfahrungen dabei erzählen und hoffentlich meinen Lesern ein paar nützliche Tips geben.

Vielleicht fragst du: warum sollte ich meinen eigenen Stab machen, wenn es viel einfacher wäre, einen im Internet oder bei einem Mittelaltermarkt zu kaufen? Meine Antwort lautet: aus​​ drei​​ Hauptgründen:

(1) Die damit verbundenen Handarbeit​​ wird zu einer​​ Art Meditation, wenn​​ du​​ sie mit innerer Ruhe und Besinnung durchführst. Ich habe vor mir ein Buch von Erhard Fucke mit dem Titel​​ Der Bildungswert pratktischer Arbeit, das aus der anthroposophischen Perspektive geschrieben​​ ist. Da schreibt der Autor, dass „der gute Arbeiter während der Arbeit nicht bei sich selbst, sondern bei der Sache ist, die er gestalten muß … Arbeit, soll sie gelingen, fordert eben ein Eingehen auf ihre Sachnotwendigkeiten. Indem dieses Eingehen aktiviert wird, ensteht im Arbeiter Selbstlosigkeit.“1​​ Die Arbeit wird auch von Hingabe, Konzentration, Aufmerksamkeit und innerer Stille begleitet.

(2) Anders als bei einem vorgefertigen Stab, kannst du deinen eigenen Stab exakt nach deinen eigenen​​ Vorstellungen gestalten.

(3) Der Stab wird von deinem eigenen Geist erfüllt sein und eine besondere Bedeutung für dich haben.

Aus diesen Gründen waren die Mitglieder des englischen okkulten Ordens, der Golden Dawn, verpflichtet, ihre eigenen Ritualinstrumente zu machen.

Als erster Schritt musst du ein passendes Stück Holz finden. In der Natur darfst du natürlich nicht einfach in einen Wald gehen und einen Ast von​​ einem Baum abschneiden, aber im Frühjahr und zwar normalerweise im Februar, werden Bäume zurückgeschnitten,​​ und in den Wäldern liegen viele abgeschnitte Äste herum. Am Besten eignen sich Äste von Laubbäumen wie Buchen, Linden​​ oder Erle.

Bild 1 zeigt meinen ersten Versuch. Das obere​​ Ende des Astes​​ ist​​ in Form eines Drachenkopfes gestaltet.​​ Den Stiel habe ich mit​​ dem folgenden​​ Spruch in Runen versehen: „Vidar schuf diesen Stab als lebenden Ast des Weltenbaumes.“ Dann habe ich das Holz mit Leinöl behandelt. ​​ Allerdings war ich nicht total damit zufrieden, da der Drachenkopf nach oben guckte. Deswegen habe ich mich entschieden, den Drachenkopf abzuschneiden und mit einem neuen Motiv​​ zu​​ ersetzen. Was würde in Frage kommen? Ich habe mich für​​ die​​ Irminsul entschieden, den heiligen Baum der Sachsen, der im Jahr 772​​ von Karl dem Großen​​ gefällt wurde. Ich habe ein Stück Holz von einem Laden für Künstlerbedarf gekauft und mit einem Bleistift die Form des Irminsuls darauf​​ skizziert und​​ sie mit einer Stichsäge​​ ausgeschnitten​​ (Bild 2). Danach habe ich versucht mit Meissel und Schleifpapier, die Form der Irminsul zu versbessern. Leider ist bei dieser Arbeit der Stamm des Baumes zebrochen (Bild 3). Katastrophal aber nicht ernst, wie einst die Wiener​​ in einer Krise​​ gesagt haben. Ich habe einfach den Kopf an den Stab mit einem Holzdübel fest gemacht und mit ein bisschen Holzfüller ausgebessert. Presto! Der Stab war fertig (Bild 4).

 

 

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